Darstellung und Würdigung - mittels Original-Texten
Dietrich Bonhoeffer wurde und wird verehrt als ein besonderer Mensch, Christ, Theologe, Seelsorger, Ethiker, Friedens- und Widerstandskämpfer und Märtyrer. Er verstand sein Christ-Sein als Mensch-Sein und seinen gelebten Glauben als gesellschaftswirksame Theologie. Bonhoeffer war lutherischer Theologe der Bekennenden Kirche und buchstabierte das „Gemeinsame Leben“ und die „Nachfolge Jesu“[1]. Als Seelsorger war er von seinen Vikaren im Predigerseminar verehrt und er stärkt bis heute die Seelen unzähliger Christen und Nichtchristen mit hoffnungsvollen Zitaten und mit dem die menschlich-göttliche Verbundenheit besingenden Lied: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.[2] In seiner „Ethik“[3] verließ er die starre Vorschriften-Ethik und entwickelte seine Situations-Ethik, in der jeder zu verantwortlichem Tun gestärkt wird.
Zuletzt in den Gefängnisbriefen begann Bonhoeffer das Leben und Gott in „voller Diesseitigkeit“ und im „Für-andere-Dasein Jesu“ zu begreifen.[4]
So sind viele von Bonhoeffer zu neuem Glauben befreit und zu verantwortlichen Taten ermuntert.
Seine verschiedenen Standpunkte im Laufe seines Lebens und seine neuartigen Gedanken gaben aber auch Anlass zu Missverständnissen und Missbräuchen. Manche erklären Bonhoeffer zu ihrem Vorbild und wollen für die merkwürdigsten Ideen Glaubwürdigkeit erlangen. Offenbar wird in Bonhoeffer eine große Autorität gesehen – und das ist gut so. Bei einigen hat Bonhoeffer auch den Status eines Heiligen erreicht. Leider soll in einer verfehlten Heiligenverehrung nur der eigene Standpunkt wahrer werden.
In diesen Texten wird versucht, möglichst mit ausführlichen Original-Zitaten wenigsten für die Themen Frieden und Widerstand etwas Klarheit zu finden. Dabei war es inhaltlich geboten, auch sein neues christliches Handeln als die Freiheit zu verantwortlicher Tat darzustellen.
1. Phase: 1927/29/30. „Der Schutz des Volkes heiligt das Morden im Krieg“
In der Lehre vom gerechten Krieg war in der allgemein kirchlichen wie auch in der lutherischen Lehre der Krieg als Institution anerkannt. In der Weimarer Republik wurden die Gräuel des 1. Weltkrieges schnell vergessen und die Theologenschaft in Berlin betonte den Krieg als Gottes Wirken für ein Volk. So schreibt auch der jugendliche Bonhoeffer in diesem Zeitgeist.[5]
1.1 Bonhoeffer beschreibt in der im März 1930 für die Drucklegung überarbeiteten Dissertation „Sanctorum communio“ „das Volk“ als „ethische Kollektivperson“. „Es gibt einen Willen Gottes mit dem Volk genauso wie mit dem Einzelnen. Wo ein Volk im Gewissen sich unter Gottes Willen beugend in den Krieg zieht, um seine Geschichte, seine Sendung in der Welt zu erfüllen, …. da weiß es sich von Gott aufgerufen, da soll Geschichte werden, da ist Krieg nicht mehr Mord.“[6] Die Institution Krieg erlaubt hier also etwas, was im mitmenschlichen Bereich längst unter Strafe steht. Merkwürdigerweise formulierte Bonhoeffer diese Stelle in der der Universität Berlin eingereichten Dissertation von 1927 ganz anders: „… da ist Krieg mehr als Mord“. Sein Doktorvater Reinhold Seeberg notierte am Rande: „Zweideutig!“[7] Diese Formulierung führt aus heutiger Sicht zu der Feststellung, dass Krieg viel schlimmer, ja ein Völkerschlachten ist. Jedoch soll sie wohl sagen, Krieg sei eben durch den göttlichen Willen etwas völlig anderes als einfacher Mord. Insofern ist die spätere Formulierung in der gedruckten Dissertation jedenfalls im Zusammenhang passender.
1.2 Als Vikar in Barcelona hielt Bonhoeffer am 8.2.1929 einen Vortrag zum Thema: „Grundfragen einer christlichen Ethik“.[8]
Darin beschreibt er schon ausführlich sein neues Verständnis von christlichem Handeln, was später im Buch „Ethik“ Grundlage ist: das von Vorschriften befreite Handeln als Verantwortung vor sich selbst und vor Gott. „Indem Jesus den Menschen unmittelbar Gott unterstellt, in jedem Augenblick neu und anders, gibt er der Menschheit das gewaltige Geschenk zurück, das sie verloren hatte, die Freiheit. ... Es gibt kein Gesetz mehr als das Gesetz der Freiheit ... Der Christ steht frei und ohne Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die ganze Verantwortung.“ „Die hergebrachte Moral – auch wenn sie für christlich ausgebeben wird -, die öffentliche Meinung – sie können für den Christen nicht zum Maßstab seines Handelns werden.“ „Und weil ich in der Einsamkeit Gott ins Auge sehe, darum kann ich nur für mich ganz persönlich wissen, was gut und was böse ist.“ „... aus dem christlichen Gottesgedanken folgt, dass es kein Gesetz mehr geben kann, ...“ Auch die „Gebote der Bergpredigt“ werden missverstanden, wenn man sie „wörtlich auf die Gegenwart bezieht.“ Den „Geist Christi“, den „Heiligen Geist“ „gibt es nur im Vollzug des Handelns, in der Gegenwart, ...“ „Es gilt, sich bei ethischen Entscheidugngen unter den Willen Gottes zu stellen“. Dieser „Wille Gottes“ ist für Bonhoeffer der unbedingte Bezugspunkt allen freien Handelns. Doch dieser ist oft „nicht eindeutig“, sondern „widerspruchsvoll“ wie „2 Ordnungen Gottes“. Wir vermögen oft nicht „zwischen gut und böse zu wählen, sondern nur zwischen Böse und Böse.“ Wahrscheinlich aus Furcht, wieder ein Gesetz zu machen, wird dieser Wille Gottes nur einmal zentral qualifiziert. In der Suche „eine Rangordnung der göttliche Ordnungen zu finden“ und warum dabei „das Gebot der Liebe über das der Wahrheit“ gestellt wird, betont Bonhoeffer als „Ansatzpunkt“ den „christlichen Gottesgedanken“: „die bis in den Tod hinein verwirklichte Liebe Gottes (ist) bestimmend für unser Handeln“.
Die bisherigen Ethiken bleiben also immer eine „Sache des Blutes und Sache der Geschichte, sie (sind) nichts schlechthin vom Himmel ... herabgekommenes.“ „Christliche Ethik gibt es nicht“, sondern „das christlich ethtische Handeln ist ein Handeln ... aus der Freiheit eines Menschen, der nichts an sich selbst und alles an seinem Gott hat.“
Im zweiten Teil des Vortrages behandelt Bonhoeffer einige Beispiele, so auch ausführlich „das Problem des Krieges“. Zunächst zitiert er die biblischen Beweggründe mit den „gewaltigen Gedanken der allgemeinen Brüderlichkeit“, die Christen zur radikalen Ablehnung des Krieges nötigen würden: „Krieg ist nichts als Morden, der Krieg ist ein Verbrechen, kein Christ kann in den Krieg gehen“. Aber dagegen wehrt sich Bonhoeffer: Wer sich nur auf das Tötungsverbot und das Gebot der Nächstenliebe bezieht, der handelt nur nach „prinzipeller Erwägung“ und gibt damit seine Familie und sein Volk der Tötung durch den Feind preis, weil es unmöglich ist, zugleich „den Feind und mein Volk ... zu schützen“. „Der Augenblick wird mir gewiß sagen, wer von den beiden mein Nächster ... ist“: „Meine Mutter, mein Volk“, „das ist göttliche Ordnung, denn Gott schuf die Völker“. „Ich werde meinen Bruder, meine Mutter, mein Volk schützen, … die Liebe zu meinem Volk wird den Mord, wird den Krieg heiligen.“ Aus „Liebe und Dankbarkeit gegen mein Volk, in das mich Gott hineingeboren hat, ... werde ich die Waffe erheben“ und „mein Volk schützen“, was „nicht anders“ als „nur durch Blutvergießen geht“. „... dem Feind bin ich verschworen auf Tod und Leben, ...“ Und das gilt auch für einen Krieg ,,wo man selbst ihn anfängt.“ „Jedes Volk aber hat einen Ruf Gottes, in sich Geschichte zu gestalten“ „und mit Wachstum ist Ausdehnung“ und „das Beiseitdrücken der anderen“ verbunden. „...dann wird Gott mit ihm sein“.[9]
Fazit: Das eigentliche Thema des Vortrages ist die Freiheit des Handelns vor Gott!
Aber das Problem des Krieges dominiert hier seitenweise und fußt auf ganz anderen Kriterien. Der Vortrag birgt also einen großen Widerspruch![10]
Wenn „Ethik Sache der Erde und des Blutes“, der „Geschichte“ und des „Volkes“ ist, steht sie also als „amerikanische“, „französische“ oder „deutsche Ethik“ in der jeweiligen „geschichtlichen Bindung“. Das beinhaltet nationale Prinzipien, die zu oft in Konkurrenzkampf und Krieg ausgefochten werden. Prinzipielle Gesetze will doch aber Bonhoeffer durch die christliche situationsbezogene Handlungsfreiheit überwinden! Wenn es also gilt, „sich ... jedesmal neu die Entscheidung aus Gottes Willen zu erkämpfen“, ist jede nationale, erdverbundene, völkische Ethik nicht christlich! „Der Christ handelt durch Gott und an Gott gebunden in der Vollmacht eines Menschen, der frei geworden ist.“
Gegen Ende des Vortrags betont Bonhoeffer jedoch eine andere Bindung: Menschen sind immer auch geschichtsgebunden und erdverbunden und ziehen daraus ihre Kraft. Dies versucht Bonhoeffer zu verdeutlichen durch die griechische Sage vom starken Sohn der Gaia, dem Antäus, der seine Kraft verliert, als Herakles ihn von der ‚Erde‘ hebt. So hat man zunächst Mitleid mit Antäus: er wird in der Luft erwürgt.
Aber, aber Antäus war grausam und tötete alle Vorbeikommenden und baute aus ihren Schädeln einen Tempel. Diese Seite der Sage sagt wiederum: Die „geheimnisvollen an die Erde bindenen Kräfte“, die die nationalen Ethiken prägen und zu Hass und Krieg führen, verlieren durch die freimachende Bindung an Gott ihre Kraft.
Der Vortrag ist also ein großes Wort für die Freiheit! Er ist eine grandiose Darstellung des von Vorschriften befreiten situationsbezogenen verantwortlichen Handelns unter Gottes Willen.
Aber die griechischen Sage und erst recht das „Problem des Krieges“ sind absolut keine Beispiele dafür, sondern ein Rückfall in nationale völkische Ethik, also in das Prinzip des militaristischen Zeitgeistes.
Ofenbar wurde dies auch vom Herausgeber der „Gesammelten Schriften“ 1966 als Fremdkörper empfunden, denn diese Passage wurde stark gekürzt in eine Fußnote verbannt.[11]
In DBW 10 steht freilich das wieder wissenschaftlich korrekt im Text.
Immerhin nennt Bonhoeffer das Wesen des Krieges bemerkenswerterweise ganz ungeschminkt „Mord“! Aber nun werden hier „Mord“ und „Krieg“ geheiligt (wie schon Antäus aus den Schädeln seiner Opfer einen Tempel baute) und sind auch noch zentrale Beispiele für den ‚Willen Gottes‘ und den ‚Geist Christi‘. Hier rächt sich, dass Bonhoeffer versäumt hat, seine Qualifizierung des Willens Gottes auch für das Problem des Krieges anzuwenden! Denn in einem merkwürdigen Salto ist plötzlich der Willen Gottes nicht mehr die „Liebe Gottes“, sondern dass „Gott mich in ein Volk hineingeboren hat.“ Dass dies mein Volk nur durch eine einzige mörderische Handlungsweise geschützt werden kann, ist das Gesetz des Krieges, dessen „Sklaven die Freiheit preisgegeben“ haben. Auch die Verengung des Krieges als massenmordendes, Städte- und naturzerstörendes Geschehen auf die persönliche Ebene ist eine hinterhältige konstruierte Verharmlosung: Wenn ein einzelner böser Feind meine Mutter töten will, wird suggeriert, dass jeder Mensch dann als einzige Möglichkeit den Feind tötet. Damit wird offenbar von allen Staaten bei den Musterungen jeder Wehrdienstverweigerer zu überrumpeln versucht – so auch ich 1963 bei der Musterung zur Nationalen Volksarmee der DDR, deren böser Feind damals die Bundeswehr war. Demnach wäre ein einzelner Bundeswehrsoldat ja auch nur gekommen, um meine Mutter zu töten, wenn ich ihn nicht vorher erschießen würde. Diese persönliche Dreierbeziehung hatte noch nicht mal in einem mittelalterlichen Krieg seinen Ort, da kamen viele Soldaten, um den Mutterschützer zu erledigen. Und erst recht ist es eine Verhöhnung von Mutterliebe, wenn damit zu maschinellem Massenmorden und Wohnungs- und Naturzerstörung verführt wird!
Mindestens hätte Bonhoeffer dem Duktus des Vortrages gemäß das andere Böse aufzeigen müssen – also die noch schlechere Handlungsweise. Nach einer besseren, also einer guten Variante im Willen Gottes hat er gar nicht mal gesucht ...
Dieses unfreie Gesetz des Krieges hat also auch Bonhoeffer hier stark gemacht – und es haben mit ihm die Mehrheit der deutschen Christen und die Nationalsozialisten zunehmend verstärkt und im grausamen 2. Weltkrieg verwirklicht.[12]