Im Hof des Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses Berlin-Tegel zusammen mit gefangenen italienischen Offizieren, Frühsommer 1944. ©Gütersloher VerlagshausIn den Briefen aus dem Gefängnis vom April bis August 1944 begann Bonhoeffer nach und nach, das Christentum in „voller Diesseitigkeit“ zu beschreiben. Seine Ausgangsfrage „Wer ist Christus eigentlich für uns heute?“ vom 30.4.1944 beantwortet er nicht mit einem Hinweis auf seine Christologie-Vorlesung von 1933, sondern mit einem Neustart der Theologie: „Die nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe“. Dabei meint ‚nicht-religiös‘ ganz speziell, den Glauben endlich ohne ein metaphysisches Jenseits und ohne ein individualistisches Seelenheil zu verstehen.
Nachdem er dem Briefcharakter entsprechend jeweils einzelne Gesichtspunkte skizziert hatte, versucht er es nun auch systematisch. Dem Brief vom 3.8.1944 legt er den „Entwurf für eine Arbeit“ bei, der lange unbeachtet blieb, aber ein Manifest Bonhoeffers für seinen diesseitigen Glauben darstellt.
Das folgende 2. Kapitel ist die theologischen Grundlage für Bonhoeffers Kirchenverständnis:
Entwurf für eine Arbeit, 2.Kapitel
„b) ‚Was ist Gott?‘ Nicht zuerst ein allgemeiner Gottesglaube an Gottes Allmacht etc. Das ist keine echte Gotteserfahrung, sondern ein Stück prolongierter Welt. Begegnung mit Jesus Christus. Erfahrung, dass hier eine Umkehr alles menschlichen Seins gegeben ist, darin, dass Jesus nur „für andere da ist“. Das ,Für-andere-Dasein‘ Jesu ist die Transzendenzerfahrung! Aus der Freiheit von sich selbst, aus dem „Für-andere-da-Sein“ bis zum Tod entspringt erst die Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart. Glaube ist das Teilnehmen an diesem Sein Jesu. […] Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen -dies ist keine echte Transzendenz -, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben in ,Dasein-für-andere‘, in der Teilnahme am Sein Jesu. Nicht die unendlichen, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt […] [ist] der ,Mensch für andere‘!, darum der Gekreuzigte. Der aus dem Transzendenten lebende Mensch.
c) Interpretation der biblischen Begriffe von hier aus. (Schöpfung, Fall, Versöhnung, Buße, Glaube, vita nova, letzte Dinge.)“ (DBW 8, 558f.)

