Markante Worte von Dietrich Bonhoeffer zu Frieden und verantwortlichem Widerstand.

Darstellung und Würdigung - mittels Original-Texten

Dietrich Bonhoeffer wurde und wird verehrt als ein besonderer Mensch, Christ, Theologe, Seelsorger, Ethiker, Friedens- und Widerstandskämpfer und Märtyrer. Er verstand sein Christ-Sein als Mensch-Sein und seinen gelebten Glauben als gesellschaftswirksame Theologie. Bonhoeffer war lutherischer Theologe der Bekennenden Kirche und buchstabierte das „Gemeinsame Leben“ und die „Nachfolge Jesu“[1]. Als Seelsorger war er von seinen Vikaren im Predigerseminar verehrt und er stärkt bis heute die Seelen unzähliger Christen und Nichtchristen mit hoffnungsvollen Zitaten und mit dem die menschlich-göttliche Verbundenheit besingenden Lied: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.[2]   In seiner „Ethik“[3] verließ er die starre Vorschriften-Ethik und entwickelte seine Situations-Ethik, in der jeder zu verantwortlichem Tun gestärkt wird.

Zuletzt in den Gefängnisbriefen begann Bonhoeffer das Leben und Gott in „voller Diesseitigkeit“ und im „Für-andere-Dasein Jesu“ zu begreifen.[4]
So sind viele von Bonhoeffer zu neuem Glauben befreit und zu verantwortlichen Taten ermuntert.
Seine verschiedenen Standpunkte im Laufe seines Lebens und seine neuartigen Gedanken gaben aber auch Anlass zu Missverständnissen und Missbräuchen. Manche erklären Bonhoeffer zu ihrem Vorbild und wollen für die merkwürdigsten Ideen Glaubwürdigkeit erlangen. Offenbar wird in Bonhoeffer eine große Autorität gesehen – und das ist gut so. Bei einigen hat Bonhoeffer auch den Status eines Heiligen erreicht.  Leider soll in einer verfehlten Heiligenverehrung nur der eigene Standpunkt wahrer werden.
In diesen Texten wird versucht, möglichst mit ausführlichen Original-Zitaten wenigsten für die Themen Frieden und Widerstand etwas Klarheit zu finden. Dabei war es inhaltlich geboten, auch sein neues christliches Handeln als die Freiheit zu verantwortlicher Tat darzustellen.

1. Phase: 1927/29/30. „Der Schutz des Volkes heiligt das Morden im Krieg“


In der Lehre vom gerechten Krieg war in der allgemein kirchlichen wie auch in der lutherischen Lehre der Krieg als Institution anerkannt. In der Weimarer Republik wurden die Gräuel des 1. Weltkrieges schnell vergessen und die Theologenschaft in Berlin betonte den Krieg als Gottes Wirken für ein Volk. So schreibt auch der jugendliche Bonhoeffer in diesem Zeitgeist.[5]

1.1   Bonhoeffer beschreibt in der im März 1930 für die Drucklegung überarbeiteten Dissertation „Sanctorum communio“ „das Volk“ als „ethische Kollektivperson“. „Es gibt einen Willen Gottes mit dem Volk genauso wie mit dem Einzelnen. Wo ein Volk im Gewissen sich unter Gottes Willen beugend in den Krieg zieht, um seine Geschichte, seine Sendung in der Welt zu erfüllen, …. da weiß es sich von Gott aufgerufen, da soll Geschichte werden, da ist Krieg nicht mehr Mord.“[6]  Die Institution Krieg erlaubt hier also etwas, was im mitmenschlichen Bereich längst unter Strafe steht. Merkwürdigerweise formulierte Bonhoeffer diese Stelle in der der Universität Berlin eingereichten Dissertation von 1927 ganz anders: „… da ist Krieg mehr als Mord“. Sein Doktorvater Reinhold Seeberg notierte am Rande: „Zweideutig!“[7] Diese Formulierung führt aus heutiger Sicht zu der Feststellung, dass Krieg viel schlimmer, ja ein Völkerschlachten ist. Jedoch soll sie wohl sagen, Krieg sei eben durch den göttlichen Willen etwas völlig anderes als einfacher Mord. Insofern ist die spätere Formulierung in der gedruckten Dissertation jedenfalls im Zusammenhang passender.

1.2   Als Vikar in Barcelona hielt Bonhoeffer am 8.2.1929 einen Vortrag zum Thema: „Grundfragen einer christlichen Ethik“.[8]

Darin beschreibt er schon ausführlich sein neues Verständnis von christlichem Handeln, was später im Buch „Ethik“ Grundlage ist: das von Vorschriften befreite Handeln als Verantwortung vor sich selbst und vor Gott.  „Indem Jesus den Menschen unmittelbar Gott unterstellt, in jedem Augenblick neu und anders, gibt er der Menschheit das gewaltige Geschenk zurück, das sie verloren hatte, die Freiheit. ... Es gibt kein Gesetz mehr als das Gesetz der Freiheit ... Der Christ steht frei und ohne Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die ganze Verantwortung.“  „Die hergebrachte Moral – auch wenn sie für christlich ausgebeben wird -, die öffentliche Meinung – sie können für den Christen nicht zum Maßstab seines Handelns werden.“ „Und weil ich in der Einsamkeit Gott ins Auge sehe, darum kann ich nur für mich ganz persönlich wissen, was gut und was böse ist.“ „... aus dem christlichen Gottesgedanken folgt, dass es kein Gesetz mehr geben kann, ...“ Auch die „Gebote der Bergpredigt“ werden missverstanden, wenn man sie „wörtlich auf die Gegenwart bezieht.“ Den „Geist Christi“, den „Heiligen Geist“ „gibt es nur im Vollzug des Handelns, in der Gegenwart, ...“  „Es gilt, sich bei ethischen Entscheidugngen unter den Willen Gottes zu stellen“.  Dieser „Wille Gottes“ ist für Bonhoeffer der unbedingte Bezugspunkt allen freien Handelns. Doch dieser ist oft „nicht eindeutig“, sondern „widerspruchsvoll“ wie „2 Ordnungen Gottes“.  Wir vermögen oft nicht „zwischen gut und böse zu wählen, sondern nur zwischen Böse und Böse.“ Wahrscheinlich aus Furcht, wieder ein Gesetz zu machen, wird dieser Wille Gottes nur einmal zentral qualifiziert. In der Suche „eine Rangordnung der göttliche Ordnungen zu finden“ und warum dabei „das Gebot der Liebe über das der Wahrheit“ gestellt wird, betont Bonhoeffer als „Ansatzpunkt“ den „christlichen Gottesgedanken“: „die bis in den Tod hinein verwirklichte Liebe Gottes (ist) bestimmend für unser Handeln“.

Die bisherigen Ethiken bleiben also immer eine „Sache des Blutes und Sache der Geschichte, sie (sind) nichts schlechthin vom Himmel ... herabgekommenes.“ „Christliche Ethik gibt es nicht“, sondern „das christlich ethtische Handeln ist ein Handeln ... aus der Freiheit eines Menschen, der nichts an sich selbst und alles an seinem Gott hat.“

Im zweiten Teil des Vortrages behandelt Bonhoeffer einige Beispiele, so auch ausführlich „das Problem des Krieges“.  Zunächst zitiert er die biblischen Beweggründe mit den „gewaltigen Gedanken der allgemeinen Brüderlichkeit“, die Christen zur radikalen Ablehnung des Krieges nötigen würden: „Krieg ist nichts als Morden, der Krieg ist ein Verbrechen, kein Christ kann in den Krieg gehen“. Aber dagegen wehrt sich Bonhoeffer: Wer sich nur auf das Tötungsverbot und das Gebot der Nächstenliebe bezieht, der handelt nur nach „prinzipeller Erwägung“  und gibt damit seine Familie  und sein Volk der Tötung durch den Feind preis, weil es unmöglich ist, zugleich „den Feind und mein Volk ... zu schützen“. „Der Augenblick wird mir gewiß sagen, wer von den beiden mein Nächster ... ist“: „Meine Mutter, mein Volk“, „das ist göttliche Ordnung, denn Gott schuf die Völker“.  „Ich werde meinen Bruder, meine Mutter, mein Volk schützen, … die Liebe zu meinem Volk wird den Mord, wird den Krieg heiligen.“ Aus „Liebe und Dankbarkeit gegen mein Volk, in das mich Gott hineingeboren hat, ... werde ich die Waffe erheben“ und „mein Volk schützen“, was „nicht anders“ als „nur durch Blutvergießen geht“. „... dem Feind bin ich verschworen auf Tod und Leben, ...“   Und das gilt auch für einen Krieg ,,wo man selbst ihn anfängt.“ „Jedes Volk aber hat einen Ruf Gottes, in sich Geschichte zu gestalten“ „und mit Wachstum ist Ausdehnung“ und „das Beiseitdrücken der anderen“ verbunden. „...dann wird Gott mit ihm sein“.[9] 

Fazit:  Das eigentliche Thema des Vortrages ist die Freiheit des Handelns vor Gott!
Aber das Problem des Krieges dominiert hier seitenweise und fußt auf ganz anderen Kriterien. Der Vortrag birgt also einen großen Widerspruch![10]
Wenn „Ethik Sache der Erde und des Blutes“, der „Geschichte“ und des „Volkes“ ist, steht sie also als „amerikanische“, „französische“ oder „deutsche Ethik“ in der jeweiligen „geschichtlichen Bindung“. Das beinhaltet nationale Prinzipien, die zu oft in Konkurrenzkampf und Krieg ausgefochten werden. Prinzipielle Gesetze will doch aber Bonhoeffer durch die christliche situationsbezogene Handlungsfreiheit überwinden! Wenn es also gilt, „sich ... jedesmal neu die Entscheidung aus Gottes Willen zu erkämpfen“,  ist jede nationale, erdverbundene, völkische Ethik nicht christlich! „Der Christ handelt durch Gott und an Gott gebunden in der Vollmacht eines Menschen, der frei geworden ist.“

Gegen Ende des Vortrags betont Bonhoeffer jedoch eine andere Bindung:  Menschen sind immer auch geschichtsgebunden und erdverbunden und  ziehen daraus ihre Kraft. Dies versucht Bonhoeffer zu verdeutlichen durch die griechische Sage vom starken Sohn der Gaia, dem Antäus, der seine Kraft verliert, als Herakles ihn von der ‚Erde‘ hebt. So hat man zunächst Mitleid mit Antäus: er wird in der Luft erwürgt.

Aber, aber Antäus war grausam und tötete alle Vorbeikommenden und baute aus ihren Schädeln einen Tempel. Diese Seite der Sage sagt wiederum:  Die „geheimnisvollen an die Erde bindenen Kräfte“, die die nationalen Ethiken prägen und zu Hass und Krieg führen, verlieren durch die freimachende Bindung an Gott ihre Kraft.
Der Vortrag ist also ein großes Wort für die Freiheit! Er ist eine grandiose Darstellung des von Vorschriften befreiten situationsbezogenen verantwortlichen Handelns unter Gottes Willen.

Aber die griechischen Sage und erst recht das „Problem des Krieges“ sind absolut keine Beispiele dafür, sondern ein Rückfall in nationale völkische Ethik, also in das Prinzip des militaristischen Zeitgeistes.

Ofenbar wurde dies auch vom Herausgeber der „Gesammelten Schriften“ 1966 als Fremdkörper empfunden, denn diese Passage wurde stark gekürzt in eine Fußnote verbannt.[11]
In DBW 10 steht freilich das wieder wissenschaftlich korrekt im Text.
Immerhin nennt Bonhoeffer das Wesen des Krieges bemerkenswerterweise ganz ungeschminkt „Mord“! Aber nun werden hier „Mord“ und „Krieg“ geheiligt (wie schon Antäus aus den Schädeln seiner Opfer einen Tempel baute) und sind auch noch zentrale Beispiele für den ‚Willen Gottes‘ und den ‚Geist Christi‘. Hier rächt sich, dass Bonhoeffer versäumt hat, seine Qualifizierung des Willens Gottes auch für das Problem des Krieges anzuwenden!  Denn in einem merkwürdigen Salto ist plötzlich der Willen Gottes nicht mehr die „Liebe Gottes“, sondern dass „Gott mich in ein Volk hineingeboren hat.“  Dass dies mein Volk nur durch eine einzige mörderische Handlungsweise geschützt werden kann, ist das Gesetz des Krieges, dessen „Sklaven die Freiheit preisgegeben“ haben. Auch die Verengung des Krieges als massenmordendes, Städte- und naturzerstörendes Geschehen auf die persönliche Ebene ist eine hinterhältige konstruierte Verharmlosung: Wenn ein einzelner böser Feind meine Mutter töten will, wird suggeriert, dass jeder Mensch dann als einzige Möglichkeit den Feind tötet. Damit wird offenbar von allen Staaten bei den Musterungen jeder Wehrdienstverweigerer zu überrumpeln versucht – so auch ich 1963 bei der Musterung zur Nationalen Volksarmee der DDR, deren böser Feind damals die Bundeswehr war. Demnach wäre ein einzelner  Bundeswehrsoldat ja auch nur gekommen, um meine Mutter zu töten, wenn ich ihn nicht vorher erschießen würde. Diese persönliche Dreierbeziehung hatte  noch nicht mal in einem mittelalterlichen Krieg seinen Ort, da kamen viele Soldaten, um den Mutterschützer zu erledigen. Und erst recht ist es eine Verhöhnung von Mutterliebe, wenn damit zu maschinellem Massenmorden und Wohnungs- und Naturzerstörung verführt wird! 

Mindestens hätte Bonhoeffer dem Duktus des Vortrages gemäß das andere Böse aufzeigen müssen – also die noch schlechere Handlungsweise. Nach einer besseren, also einer guten Variante im Willen Gottes hat er gar nicht mal gesucht ...

Dieses unfreie Gesetz des Krieges hat also auch Bonhoeffer hier stark gemacht – und es haben mit ihm die Mehrheit der deutschen Christen und die Nationalsozialisten zunehmend verstärkt und im grausamen 2. Weltkrieg verwirklicht.[12]

2. Phase: 1930. Die Bonhoeffersche Wende


Bonhoeffer studierte 1930/31 am union theology seminary in New York. Neue theologische Einsichten, das Erleben eines lebendigen Glaubens in der Baptistengemeinde und die Begegnungen und das gemeinsame Ansehen des Films „Im Westen nichts Neues“ mit dem Pazifisten Lasserre waren für Bonhoeffer der „Wendepunkt seiner Theologie und seines Lebens“. Detlev Bald beschreibt überzeugend Bonhoeffers „Kehrtwende“ und belegt sie mit rückblickenden Zitaten. Die Hinwendung zur Bibel und zum Glauben befreite Bonhoeffer von überkommenen Theologien und er erkennt in der Bergpredigt die „einzige Kraftquelle“ und „absolute Norm für unser Handeln“. Die „Brüderlichkeit der Menschheit“ und die Aufhebung „aller Unterschiede von Rasse, Nationalität und Brauch“ führten Bonhoeffer zur Ablehnung der „Lehre von der gerechten Gewalt“ und zu einer Bejahung des christlichen Pazifismus, den er vorher „leidenschaftlich bekämpft“ hatte.[13]
Da die politische Führung in Deutschland dem radikal entgegenstand, wurde

Bonhoeffer seitdem zum „Theologen im Widerstand“[14]
 

3. Phase: 1932. Der „internationale Frieden ist heute Gottes Gebot“

3.1  Der maschinelle Krieg heißt töten. „Das Leben bist du selbst“.
Im Vortrag „Das Recht auf Selbstbehauptung“ am 4.2.1932[15]  führt Bonhoeffer aus:
Die „Geschichte des Westens … ist eine Geschichte der Kriege gewesen“. Sie basiert im „eigentlichen Sinn“ auf dem „Töten“.  Es ist das „Zeitalter der Maschine,“ die „rücksichtlos gegenüber der Natur ist.“  „Es „kommt zur Katastrophe, wo die Maschine in den Dienst der Zerstörung von Menschenleben gestellt wird“.   Die „Heiligkeit alles Lebens“ „ist Seele, ja das Leben bist du selbst, du sollst nicht Gewalt tun irgendeinem Lebendigen.“  „Du sollst kein Leben vernichten, leiden ist besser als denn mit Gewalt leben“.

In einem anderen Vortrag in der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung im Dezember 1932 sagt Bonhoeffer: „Dem Christen ist jeglicher Kriegsdienst, es sei denn Samariterdienst, und jede Vorbereitung zum Krieg verboten.“[16]
Detlev Bald resümiert: „Bonhoeffer war aktiver, engagierter und grundsätzlicher Pazifist mit dem Ziel den Frieden zu erhalten oder zu stiften“[17]

3.2   „Geht nicht in diesen Krieg!“ „Pacem facere“!
Bonhoeffer hält am 26.7.1932 im slowakischen Cernohorske Kupele auf der Jugendfriedenskonferenz des „Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen“ den Vortrag: „Zur theologischen Begründung der Weltbundarbeit“.[18]

Bonhoeffer beginnt darin eine einheitliche Theologie für die übernationale Arbeit der Kirchen zu beschreiben und sagt: „Das Revier der einen Kirche Christi ist die ganze Welt“; „der einen Kirche sind keine Grenzen gezogen.“ „Die Kirche muß hier aus der Kenntnis der Sache heraus in konkretester Weise das Wort Gottes … sagen können, … Die Kirche darf also keine Prinzipien verkünden, die immer wahr sind, sondern nur Gebote, die heute wahr sind. Denn, was „immer“ wahr ist, ist gerade „heute“ nicht wahr. Gott ist uns „immer“ gerade „heute“ Gott.“ Das Wort Gottes besteht einerseits aus dem „Evangelium der Sündenvergebung“: „Weil einer dem anderen seine Sünde vergeben will, darum allein gibt es für den Christen Friedensgemeinschaft“; andererseits aus dem „Gebot des Handelns“, was aber nur in der Konkretion gilt! Eine dazu notwendige „detaillierte Sachkenntnis“ ist nicht immer erreichbar. Dieses „unlösliche Dilemma“ führt zu zwei Möglichkeiten: „sich Zurückziehen auf die Etappe der Prinzipien“. Andererseits ein „bewusstes und qualifiziertes Schweigen des Nichtwissens“ oder „es wird das Gebot gewagt, in aller denkbaren Konkretion, Ausschließlichkeit, Radikalität …: geht nicht in diesen Krieg; …“

„Woher weiß die Kirche, was Gottes Gebot für die Stunde ist?“ Nicht aus der Bergpredigt als „absolute Norm“ für alle Zeiten, sondern als „Veranschaulichung dessen, … was es gerade heute und gerade für uns ist“. Und nicht aus der vorfindlichen „Schöpfungsordnung“, denn sie ist verdorben durch die „Sünde“. Das „Gebot“ kommt allein „von Christus, … der uns Leben und Vergebung gibt, …“ So allein geschieht die Erneuerung der Schöpfung, die Bonhoeffer als „Erhaltungsordnungen Gottes“ beschreibt. „Erhaltung ist das Tun Gottes mit der gefallenen Welt“. So kann der „Weltbund … erkennen“: „Die Ordnung des internationalen Friedens ist heute Gottes Gebot für uns.“ Damit setzt sich die Kirche „dem Verdacht aus, … Träume zu verkündigen,“ weil sie es nicht anders „qualifizieren“ kann „als durch fortgesetzten, monotonen, nüchternen Hinweis auf dies Gebot.“  „Gemeinschaft des Friedens kann nur bestehen, wenn sie nicht auf Lüge und nicht auf Unrecht ruht.“ Die Erhaltung von „Wahrheit und Recht“ erfordert oft „Kampf.“ Ein „Rechtfertigung des Kampfes“ ist aber keineswegs „die Rechtfertigung des Krieges“!  „Unser heutiger Krieg fällt … nicht mehr unter den Begriff Kampf, weil er die sichere Selbstvernichtung beider Kämpfenden ist. … Der heutige Krieg vernichtet Seele und Leib. Weil wir aber den Krieg keinesfalls als Erhaltungsordnung Gottes … verstehen können, und weil der Krieg andererseits der Idealisierung und Vergötzung bedarf, … darum muß der heutige Krieg, also der nächste Krieg, der Ächtung durch die Kirche verfallen. … Wir sollen uns hier auch nicht vor dem Wort Pazifismus scheuen.“ Auch wir „sollen pacem facere[19] zur Überwindung des Krieges.“ Damit ist nicht der „Kampf … aus der Welt“, sondern der Krieg als „Mittel des Kampfes“ steht unter dem „Verbot Gottes.“

Die Friedensarbeit des Weltbundes beruhte bisher auf der wichtigen „Verständigung durch persönliches Kennenlernen“. Frieden wird es aber erst geben, „wenn die Christen übernational denken lernen werden, wenn sie eine große gemeinsame Verkündigung … und Theologie“ haben. „Und wo nicht jede Tagung mit vollem Ernst unter dieses Ziel gerückt ist, ist sie verlorene und verschwatzte Zeit.“

Fazit: Dieser Vortrag ist die grundlegende Darstellung von Bonhoeffers Denken über Krieg und Frieden. Andreas Pangritz resümiert: „Bonhoeffer … vertritt … keinen prinzipiellen Pazifismus, … sondern einen situativen Pazifismus, der die Kriterien für den „gerechten Krieg“ voraussetzt und auf eine konkrete historische Konstellation anwendet. Gerade aufgrund dieser Kriterien kommt er angesichts der modernen Massenvernichtungsmittel zum konkreten Gebot: „Zieht nicht in diesen Krieg!““[20]
Die Aussagen des Vortrages gelten für 1932 und den damals befürchteten Krieg.
Der Vortrag ist keine absolute Norm für alle Zeiten, sondern wie die Bergpredigt eine „Veranschaulichung“ dessen, was nun heute 2025 geboten ist.
Die Kriterien dafür haben sich nicht geändert! 

4. Phase: „dann gleitet das Bild des Führers ab in das des Verführers."

Zwei Tage nach Hitlers Machtübernahme und der daraus absehbaren Gleichschaltung aller Lebensbereiche hielt Bonhoeffer am 1.Febuar 1933 einen lange geplanten Rundfunkvortrag im Rahmen einer kirchlichen Rundfunkreihe: „Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation".[21]

Der Vortrag wurde in der „Kreuzzeitung“ vom 25.02.1933 veröffentlicht und Anfang März in der Hochschule für Politik wiederholt – jeweils mit anderem Titel.

Die Übertragung im Rundfunk wird kurz vor Schluss abgebrochen. Da dies an einer politisch brisanten Stelle passiert, wird oft unterstellt, es sei ein Abwürgen der Führerkritik. Da aber der Rundfunk zu dem Zeitpunkt noch nicht gleichgeschaltet war, präferiert Beate Schutte Bonhoeffers eigene Bewertung: „Zeitüberschreitung“.[22]

Bonhoeffer analysiert, wie aus der „festgefügten Welt des Abendlandes“ durch den ersten Weltkrieg der „völlige Zusammenbruch“ geschah. „Die individualistisch gebildete Persönlichkeit und die von der Wirklichkeit gelösten … politischen, weltanschaulichen, religiösen Ideologien … hatten Bankrott gemacht. Und aus dieser Not wuchs nun der leidenschaftliche Ruf nach neuer Autorität, nach Bindung, nach Gemeinschaft.“ „… Autorität in Gestalt eines Führers“, der als „neuer Mensch … die Vereinsamung“ überwindet. Die „politisch-messianische Führeridee“ sollte das „universale Reich Gottes auf Erden“ herbeibringen. „Der Mensch und insbesondere der Jugendliche wird so lange das Bedürfnis haben, einem Führer Autorität über sich zu geben, als er sich nicht reif, stark, verantwortlich genug fühlt, den in diese Autorität gelegten Anspruch selbst zu verwirklichen.“ Genau darin sieht Bonhoeffer die „klare Begrenzung der Autorität“. „Gibt (der Führer) nicht dem Geführten immer wieder klar Auskunft über die Begrenztheit seiner Aufgabe und über dessen eigenste Verantwortung, läßt er sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol zu werden – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen - dann gleitet das Bild des Führers ab in das des Verführers."  Hier geschieht der Abbruch im Rundfunk.  Bonhoeffers Text ging weiter: „dann handelt er verbrecherisch am Geführten wie an sich selbst. Der echte Führer muß jederzeit enttäuschen können. … Er muß die Geführten von der Autorität seiner Person weg zur Anerkennung der echten Autorität der Ordnungen und des Amtes führen … zur Verantwortung gegenüber … Vater, Lehrer, Richter, Staat. Er muss sich dem Reize, der Abgott … des Geführten zu werden, radikal versagen. … (Der Führer) dient der Ordnung des Staates, der Gemeinschaft, und sein Dienst kann von unvergleichlichem Wert, ja er kann unentbehrlich sein“[23]

Fazit: Bonhoeffer verurteilt also nicht generell das Führerprinzip, was zu seinen zuweilen speziellen Äußerungen gegenüber der Demokratie passt. Aber wegen der Kritik an dem totalen Anspruch des damals real existierenden Führers, war dieser Vortrag sehr mutig und leitete seinen auch öffentlichen Widerstand gegen die Diktatur der Nationalsozialisten ein.

5. Phase: 1933/1935 Die Anfänge des persönlichen und kirchlichen Widerstandes

1  „dem Rad selbst in die Speichen fallen“.
Bei Schiller, Don Carlos, 3. Akt, 10. Auftritt, sagt der Marquise zum König von Spanien:

„Sie wollen … sich dem Rade des Weltverhängnisses, das unaufhaltsam
In vollem Laufe rollt, entgegen werfen? Mit Menschenarm in seine Speichen fallen?“[24]

Hier bei Schiller geht es um den unaufhaltsamen Freiheitkampf der Niederländer, den der König von Spanien niederwerfen wollte.

Dieser Text war allgemeines Bildungsgut in der Weimarer Republik. Eine Kurzfassung wurde zum geflügelten Wort: „Dem Rad in die Speichen fallen“. Es wurde aber nur formal übernommen und auf Positives und Negatives bezogen.

1933 sollten nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit dem sogenannten Arierparagraphen auch die Kirchen beschließen, alle Juden aus dem Pfarrdienst zu entlassen.  Dem stellte sich Bonhoeffer öffentlich entgegen und hielt vor Berliner Pfarrern im April 1933 den Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“.[25] 
Hier einige Auszüge:

„Zweifellos ist die reformatorische Kirche nicht dazu angehalten, dem Staat in sein spezifisch politisches Handeln direkt hineinzureden. Sie hat staatliche Gesetze weder zu loben noch zu tadeln, sie hat vielmehr den Staat als Erhaltungsordnung Gottes in der gottlosen Welt zu bejahen, …“

„Es bleibt die Sache der humanitären Verbände und einzelner sich dazu aufgerufen wissender christlicher Männer, dem Staat die moralische Seite seiner jeweiligen Maßnahmen zu Gesicht zu bringen, d. h. gegebenenfalls den Staat des Verstoßes gegen die Moral zu verklagen. Und jeder starke Staat braucht solche Verbände und solche einzelnen Persönlichkeiten und wird ihnen eine gewisse reservierte Pflege angedeihen lassen. … Ebenso aber wird eine Kirche, die wesentlich als eine Kulturfunktion des Staates betrachtet wird, jeweils dem Staat mit derartigen Einreden ins Handwerk fahren und das umso mehr, je fester der Staat sich die Kirche eingliedert, d. h. ihr wesentlich moralisch-pädagogische Aufgaben zuschreibt. …

Die wahre Kirche Christi aber, die allein vom Evangelium lebt und um das Wesen des staatlichen Handelns weiß, wird dem Staat nie in der Weise ins Handwerk greifen, daß sie dessen geschichtsschaffendes Handeln vom Standpunkt eines irgendwie gearteten, sagen wir: humanitären Ideals her kritisiert. Sie weiß um die wesenhafte Notwendigkeit der Gewaltanwendung in dieser Welt und um das mit der Gewalt notwendig verbundene „moralische“ Unrecht bestimmter konkreter Akte des Staates. Die Kirche kann primär nicht unmittelbar politisch handeln; denn die Kirche maßt sich keine Kenntnis des notwendigen Geschichtsverlaufes an.“…
„Sie kann also auch in der Judenfrage heute nicht dem Staat unmittelbar ins Wort fallen, und von ihm ein bestimmtes andersartiges Handeln fordern. Aber das bedeutet nicht, daß sie teilnahmslos das politische Handeln an sich vorüberziehen läßt; …“  „Das bedeutet eine dreifache Möglichkeit kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber: erstens … die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns, d. h. die Verantwortlichmachung des Staates. Zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören. … Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches Handeln wäre unmittelbar politisches Handeln der Kirche und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d. h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht. In beiden muß sie dann die Existenz des Staates und damit auch ihre eigene Existenz bedroht sehen. Ein Zuwenig läge vor bei der Rechtlosmachung irgendeiner Gruppe von Staatsuntertanen, ein Zuviel läge dort vor, wo vom Staate her in das Wesen der Kirche und ihre Verkündigung eingegriffen werden sollte, d. h. etwa in dem zwangsmäßigen Ausschluß der getauften Juden aus unseren christlichen Gemeinden, ...“ „Die Notwendigkeit des unmittelbar politischen Handelns der Kirche hingegen ist jeweils von einem „evangelischen Konzil“ zu entscheiden … „

„Damit sind wir bei der zweiten Frage angelangt. … Die Kirche kann sich ihr Handeln an ihren Gliedern nicht vom Staate vorschreiben lassen. Der getaufte Jude ist Glied unserer Kirche.“ …  „Die Ausschließung der rassischen Juden aus unserer deutschstämmigen Kirche … bleibt also eine kirchliche Unmöglichkeit.“

Fazit:
Bonhoeffer entwickelt die lutherische Zwei-Reiche-Lehre weiter. Er eröffnet den privaten Widerstand von Christen als Verklagen des Staates wegen moralischer Verstöße.  Er beschreibt die drei Phasen kirchlichen Handelns gegenüber dem prinzipiell anerkannten Staat als Anfrage, als Hilfe und als Aktivität eines Konzils. Letzteres bedeutet dann „dem Rad in die Speichen fallen“, wobei hier das Rad der Weltgeschichte die beginnende Politik der Nazis war, alles Jüdische auszumerzen. Bonhoeffer wendet sich also hier gegen den allgemeinen Schicksalsglauben, dass man das Rad der Geschichte nicht aufhalten kann. Doch man kann, wenn man dem Rad in die Speichen fällt und es so zum Verlangsamen oder gar zum Stehen bringt!

Oft wurde falsch zitiert und Bonhoeffer unterstellt, hier dem Rad der Geschichte in die Speichen ‚greifen‘ zu wollen. Nach dem Vortrag würde das aber bedeuten, selbst staatlich zu handeln, und somit abgelehnt. Erst recht heißt es also nicht ‚militärisch eingreifen.‘ ‚In die Speichen fallen‘ betont einerseits den persönlichen oder gar den Einsatz des eigenen Lebens. Andererseits eben den Einsatz der ganzen Kirche mit dem Wort eines Konzils und ihrem ganzen Kirche-Sein![26] Mit dem Bildwort ‚In die Speichen fallen‘ bezeichnet hier also Bonhoeffer den massiven persönlichen und kirchlichen Widerspruch, der freilich aktiver, aber kein gewaltsamer Widerstand ist.  Um den gewaltsamen Widerstand geht es erst in dem oft verwechselten oder gar vermischten anderen Bildwort vom ‚Stoppen des rasenden Autofahrers‘. Freilich reden beide Bildworte im weitesten Sinne von Widerstand, aber ‚einem Rad in die Speichen fallen‘ ist eben keine aktive Gewalt. Insofern kann dieses Bildwort nicht die Sache dominieren und auf Bonhoeffers gesamten Widerstand bezogen werden.[27] Bonhoeffer-gemäß sollten wir präzise zuordnen und die Bildworte nicht vermischen! Siehe Phase 9.1.

5.2  1935/38 „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“
                          Und: „Tu deinen Mund auf für die Stummen“
Thematisch schon hierher gehört dieser nur mündlich überlieferte Ausspruch von Dietrich Bonhoeffer.

Geäußert wurde er im Predigerseminar, das etwas verborgen in den kleinen pommerschen Dörfern Zingst und Finkenwalde von Bonhoeffer schon als ein Akt des Widerstandes geleitet wurde. Denn diese Seminare der Bekennenden Kirche waren zunehmend illegal und wurden dann ganz verboten. 

Sein Freund Eberhard Bethge notierte diesen isolierten Ausspruch und verortet ihn in Gespräche im Lehrfach Liturgie[28]. Manche vermuten, dass auch politische Ereignisse Anlass für diesen Ausspruch waren: etwa die Nürnberger Gesetze von 1935 oder die Judenpogrome mit der Reichskristallnacht im November 1938. Jedenfalls war es ein unmissverständlicher Auftrag an alle Vikare, in ihren Gottesdiensten, gegen die systematische Verdrängung von Juden aus allen gesellschaftlichen Bereichen anzuschreien!

In einem Brief vom 11.9. 1934 an den ökumenischen Freund Erwin Sutz bekräftigt Bonhoeffer seine Forderung, die Stimme zu erheben: „Tu den Mund auf für die Stummen – wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist? Und dann die Wehr- und Kriegsfrage.“[29] Er zitiert hier aus Sprüche 31,8 –9: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“

Und 1941 in einem Kapitel der „Ethik“ schreibt Bonhoeffer: „Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass, Mord, gesehen zu haben ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen.“[30]  

Fazit:
Diese Zitate bringen es auf den Punkt, dass christlicher Glaube nicht nur gesellschaftsbezogen und Gottesdienst politisch seinem Wesen nach ist, sondern dass es dabei die zentrale Aufgabe ist, „Den Leidenden und Getöteten eine Stimme (zu) geben“ und damit „Ein Ruf für das Leben“ zu sein, wie es die Resolution des Bonhoeffer-Vereins 2024 formulierte.[31]

6. Phase: 1934 Der „Ruf Gottes zum Frieden“ ist ein „bindendes Gebot“ und nicht „als offene Frage zu diskutieren.“ „Frieden muss gewagt werden.“


Bonhoeffer bittet die Jugendkonferenz des ‚Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen‘ im dänischen Fanö, um jetzt als ökumenisches Konzil einen Friedensruf an die Christen Europas zu richten!

6.1  Thesen zur Vorbereitung der Rede:

„Weltbundarbeit … erstrebt … die Überwindung des Krieges. … 
Die Rechtfertigung des Krieges …:
a) Der Krieg dient … der Erhaltung des Staates und dem kommenden Frieden, …

b) Der Krieg ist ein unaufhaltsames Geschehen, über das kein Mensch Macht hat…

Der säkulare Pazifismus antwortet:

a) Die friedliche Wohlfahrt der Menschheit wird mit den Mitteln des Krieges nicht herbeigebracht. …

b) Es muss eine rationale Organisation geschaffen werden, …

Die christliche Kirche antwortet:

Der menschliche Wille muss konfrontiert werden mit dem göttlichen Gebot:

Du sollst nicht töten. …

Auf den Einwand: Der Staat muss erhalten werden,

antwortet die Kirche: Aber du sollst nicht töten.

Auf den Einwand: Der Krieg schafft Frieden,

antwortet die Kirche: Das ist nicht wahr, sondern der Krieg schafft Verderben. …

Dem säkularen Pazifismus aber antwortet die Kirche:

a) Maßstab unseres Handelns ist nicht die menschliche Wohlfahrt, sondern der Gehorsam gegen Gottes Gebot. …

c) Dass der Krieg Hinweis ist auf die dem Tode verfallene Welt, zeigt, dass auch die Beseitigung des Krieges nur die Beseitigung eines schauderhaften Symptoms, aber nicht die Beseitigung der Ursache des Übels wäre. Nicht der Pazifismus ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, sondern der Glaube (1. Johannes 5,4), der alles von Gott erwartet, …“

6.2    Dietrich Bonhoeffer hielt am 28.8. 1934 in Fanö die Eröffnungsrede „Kirche und Völkerwelt“.[33]  Daraus einige Auszüge:
„Zwischen den Klippen des Nationalismus und des Internationalismus … hat … die ökumenische Christenheit … den Gottes Ruf zum Frieden vernommen und richtet diesen Befehl an die Völkerwelt aus. Unsere theologische Aufgabe besteht darum hier allein darin, dieses Gebot als bindendes Gebot zu vernehmen und nicht als offene Frage zu diskutieren. ‚Friede auf Erden‘, das ist kein Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot.“ Dazu „gibt es ein doppeltes Verhalten: den unbedingten, … Gehorsam der Tat oder die scheinheilige Frage der Schlange: … Sollte Gott nicht die menschliche Natur besser gekannt haben und wissen, daß Kriege in dieser Welt kommen müssen wie Naturgesetze? … Sollte Gott nicht doch gesagt haben, wir sollten … zur Sicherung … Tanks und Giftgase bereitstellen? Und dann das scheinbar Ernsteste: Sollte Gott gesagt haben, Du sollst dein Volk nicht schützen? Sollte Gott gesagt haben, Du sollst Deinen Nächsten dem Feind preisgeben? Nein, das alles hat Gott nicht gesagt, sondern gesagt hat er, daß Friede sein soll unter den Menschen, …“

„Friede soll sein, … weil es eine Kirche Christi gibt, …, die lebt … jenseits aller Grenzen völkischer, politischer, sozialer, rassischer Art, und die Brüder dieser Kirche sind … unzertrennlicher verbunden als alle Bande der Geschichte, des Blutes, der Klassen und der Sprachen Menschen binden können.“ „Sie können nicht die Waffen gegeneinander richten, weil sie wissen, daß sie damit die Waffen auf Christus selbst richteten.“

„Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen … durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muß gewagt werden, … Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Mißtrauen haben, und dieses Mißtrauen gebiert wiederum Krieg.“

„Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt.“
„Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“

„die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Mißtrauen aus allen Augen.“

„Worauf warten wir noch?“  „… - wer weiß, ob wir uns im nächsten Jahr noch wiederfinden?“

Fazit: Das alles klingt trotz ökumenischer Weite sehr innerkirchlich und geht von einer starken Position der Kirche aus. Bonhoeffer setzt voraus, dass die Menschen und Staaten Europas christlich sind. Dass er aber hier so reden muss, zeigt, dass damals die meisten diesen christlichen Glauben nicht verinnerlicht hatten.

Die Kernaussagen aber bleiben auch in unserer entkirchlichten Welt allgemein gültig, vor allem die grandiose These, dass Frieden nicht durch Sicherheit, sondern durch Vertrauen erreicht wird.  Hier muss Bonhoeffer zum Teil widersprochen werden, wenn er Verträge ablehnt. Gerade diese sind als Ablösung von Misstrauen eine Verschriftlichung und Proklamation von Vertrauen. Und da auch Vertrauen eine Wirkungsweise Gottes ist, wird die Ablehnung von Waffen als Kampf-Mittel realistisch. Dass Waffen und allgemeine Aufrüstung keine Sicherheit bringen, nimmt die Initiative der badischen Landeskirche auf, indem sie „Sicherheit neu denken“ will und einen einzigartigen Plan von Friedenserhaltung vorlegt, u.a. mit einer internationalen Polizei.[34]

Denn mit „Kampf“ meint B. nicht den Krieg (vgl. Phase 3.2). So bedeutet der Satz: ‚Die Herstellung von Frieden geschieht nicht durch Waffen, sondern durch Vertrauen!‘

Zunächst überrascht, wie B. hier sehr stark das Gebot Gottes betont, wo doch in Phase 1 Prinzipien abgelehnt und das verantwortliche Handeln betont werden. Aber auch bei der Freiheit des Tuns blieb immer das Gebot Gottes als Richtschnur, was hier inhaltlich mit dem Tötungsverbot und dem Vertrauen präzisiert ist.

Die hier betonte Distanz zum „säkularen Pazifismus“ liegt nach Bonhoeffer am Fehlen der allein wirksamen Grundlage aller Friedensarbeit: dem Gehorsam gegenüber Gott und dem Glauben.
Detlev Bald spricht vom „christlichen“ bzw. „aktiven Pazifismus“.[35]

Die Brücke zwischen sogenanntem „säkularem“ und „christlichen Pazifismus“ liegt m.E. formal im Begriff des „aktiven Pazifismus“ und inhaltlich im Tötungsverbot, was ja kein lästiges Prinzip ist, sondern positiv meint: Erhaltung und Ehrfurcht vor dem Leben!

Die Versammlung konnte aber Bonhoeffers Drängen nicht nachgeben: „Wir können es heute noch tun. Das ökumenische Konzil ist versammelt, es kann diesen radikalen Ruf zum Frieden an die Christusgläubigen ausgehen lassen.“

Thesen und Friedensruf finden sich nicht in den zur Abstimmung gebrachten Texten.

Erst auf der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Vancouver 1983 nahm die DDR-Delegation dieses Anliegen Bonhoeffer auf und schlug ein gesamtchristliches Friedenskonzil vor. Beschlossen wurde ein konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, der in der DDR 1988/89 in einer Ökumenischen Versammlung zu diesen dazugehörenden Optionen führte: für die Armen, gewaltlos, für das Leben!

Bei der Abstimmung in Fanö 1934 ist bemerkenswert, dass die Konferenz die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung in allen europäischen Ländern forderte und im Allgemeinen klarstellte: „Die Kirche hat ihren Auftrag innerhalb des Volkes, aber nicht ‚vom Volke her‘. … Im besonderen Fall darf die Kirche in keinem Falle einem Krieg ihren geistlichen Beistand leihen“[36]

7. Phase: 1940-43:  Das abstrakte Nachdenken: Die Freiheit zum Töten im Krieg.

Zwischen 1940 und 43 schrieb Bonhoeffer viele Einzeltexte, die er erst später kurz „Ethik“ nannte und die in einer ersten Fassung 1948 von Bethge sortiert wurden.[37]
Hier werden die vier wichtigen Aussagen über den ‚Krieg‘ nach der Neusortierung der Texte in DBW 6 zitiert:

7.1  1940: Abschnitt „Erbe und Verfall“: „Die abendländischen Kriege haben von jeher zwischen … rechten und verbrecherischen Mitteln der Kriegführung unterschieden.“ Aber „aus dem … ritterlichen Krieg unter christlichen Völkern (wird) der totale Vernichtungskrieg, in dem alles – auch das Verbrechen – gerechtfertigt wird … und in der der Feind, der bewaffnete und der wehrlose, zum Verbrecher wird.“[38]   
7.2  1940/41: Abschnitt „Das Recht auf das leibliche Leben:“ „Das erste Recht des natürlichen Lebens besteht in der Bewahrung des leiblichen Lebens vor willkürlicher Tötung. Von willkürlicher Tötung muß dort gesprochen werden, wo unschuldiges Leben vorsätzlich getötet wird. … Willkürlich ist demnach nicht die Tötung des Feindes im Kriege; denn wenn dieser auch nicht persönlich schuldig ist, so nimmt er doch bewußt teil an dem Angriff seines Volkes auf das Leben meines Volkes und muß daher die Folgen der Gesamtschuld mittragen…  Willkürlich ist aber auch nicht die Tötung von Zivilpersonen im Krieg, sofern sie nicht direkt beabsichtigt, sondern nur unglückliche Folge einer militärisch notwendigen Maßnahme ist.“ [39]

7.3  1942: Abschnitt „Die Struktur des verantwortlichen Lebens“:
Es gibt „nackte Lebensnotwendigkeiten … als Urtatsache des Lebens selbst,“  die „durch kein Gesetz mehr erfaßt werden können. Sie appellieren unmittelbar an die durch kein Gesetz gebundene freie Verantwortung des Handelnden. …  Sie lassen der menschlichen ratio nicht mehr eine Mehrzahl von Auswegen, sondern sie stellen vor die Frage der ultima ratio. Im politischen Bereich heißt die ultima ratio Krieg, aber auch Betrug, Vertragsbruch um der eigenen Lebensnotwendigkeit willen. … Die ultima ratio liegt jenseits der Grenze der ratio, sie ist irrationales ´Handeln.“[40]
7.4   1942: Abschnitt „Der Ort der Verantwortung“: „Ist nun aber nicht durch das Gesetz Gottes, wie es im Dekalog offenbart ist … eine unüberschreitbare Grenze … aufgerichtet? Würde jede Durchbrechung dieser Grenze nicht eine Verletzung des offenbaren Willens Gottes bedeuten?“ So „(droht) das Problem von Gesetz und Freiheit … einen Widerspruch in den Willen Gottes hineinzutragen.“ Aber „das verantwortliche Handeln (wird) „Gott, … wird Jesus Christus als letzte Wirklichkeit erkennen … von ihm die Befreiung vom Gesetz zur verantwortlichen Tat erfahren. … (Es gibt) eine Freiheit von der Sabbatheiligung, von der Elternehrung, vom ganzen göttlichen Gesetz, eine Freiheit, die dieses Gesetz durchbricht. … Im Kriege zum Beispiel wird getötet, gelogen, enteignet, allein damit das Leben, die Wahrheit, das Eigentum wieder in Kraft gesetzt werden. Eine Durchbrechung des Gesetzes muß in ihrer ganzen Schwere erkannt werden … Durch die Erkennung der „objektiven Schuld der Gesetzesdurchbrechung … (erfolgt) die wahre Heiligung des Gesetzes. So wird der Wille Gottes in der aus der Freiheit kommenden Tat geheiligt.“[41]

Fazit:  Hier in diesem letzten Text leuchtet die oft in der Ethik beschriebene grandiose Bonhoeffersche Verantwortungsethik: Der Christ ist nicht an Prinzipien gebunden, sondern ist in jeder Situation frei zur verantwortlichen Tat! So schon im Vortrag “Grundfragen einer christlichen Ethik“ 1929 (vgl. Phase 1).

Aber, aber die darin enthaltenen Aussagen der „Ethik“ über das Töten im Krieg haben zwei große Fehler: Einerseits fehlt die Qualifizierung des Verantwortungsbezuges!

Dort war es der „Wille Gottes“. Hier ist es das „Gesetz Gottes“, was freilich durch die „letzte Wirklichkeit in Jesus Christus“ präzisiert wird.  Aber was bedeutet die ‚letzte Wirklichkeit Christi‘ fürs konkrete Handeln? Da kann ein Christ doch nicht an zentralen Füllungen dieser Wirklichkeit einfach mal so vorbei: Leben und Sterben Jesu, Ansage der Gegenwart des Reiches Gottes, „Bergpredigt als Veranschaulichung“[42] zum Handeln!

Ohne Füllung wird es zur totalen Beliebigkeit: der Mensch kann machen was er will, was ihm gerade vernünftig erscheint, was gerade seine Vorurteile, seine Sympathien oder Antipathien hergeben oder wozu er sich gerade hinreißen lässt.

Die Verantwortung vor der letzten Wirklichkeit, vor Christus befreit vom nicht aktuellen, abstrakten Gesetz, aber nicht von dieser letzten Wirklichkeit! Ein absolut freies Handeln gibt es nicht, sondern nur ein Leben im Einklang mit Gott.

Klar bleibt, dass es keine Handlungsanweisungen für jede neue Situation gibt; und dass es oft mehrere Möglichkeiten gibt und so das kleiner Übel zu wählen ist; und dass auch das kleinere Übel noch Schuld ist! Nur dafür kann gelten: es ist immer geheiligt, also von Gott angenommen, wenn wir wissen, dass wir mit jeder Tat schuldig werden (können).
- Andererseits: Die zitierten Aussagen aus den Ethik-Texten sind so was von abstrakt und theoretisch! Sie klingen so was von wissenschaftlich und sind doch in einer wirklichkeitsfremden Blase.

Sie widersprechen total der von Bonhoeffer beschriebenen Situationsethik, die nur angesichts einer konkreten Erfahrung zu verantwortlichem Handeln kommt.
Die anderen Texte waren jeweils meist aktuelle Vorträge und kommen zu anderen Ergebnissen! In der „Ethik“ haben nur die im ersten Text unter 7.1 zitierten Erfahrungen des 1.Weltkrieges ihren Niederschlag gefunden. Danach ist das Krieg führen generell ein unverantwortliches Handeln, was aber in den anderen Texten der Ethik wieder der Situation entnommen ist.

Bemerkenswert ist, dass in der „Ethik“ der Begriff „Frieden“ nur im theologischen Zusammenhang als Frieden mit Gott vorkommt, der Begriff ‚Pazifismus‘ gar nicht.[43]

8. Phase: 1941/1942 „Ich bete für die Niederlage meines Landes“. Der Unterhändler für einen Waffenstillstand.

Gleich 1939 drohte für Bonhoeffer die Einziehung zum Wehrdienst, den er sich nur als Seelsorge- oder Samariterdienst vorstellen konnte, da er Kriegshandlungen und vor allem das Schwören eines Eides ablehnte. Da wagte Bonhoeffer die Flucht nach vorn: Er blieb Pfarrer der Bekennenden Kirche mit übergemeindlichen Aufgaben, wurde aber 1940 durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi als Verbindungsmann des Geheimdienstes der Wehrmacht unter Admiral Canaris eingestellt. Als solcher wirkte er bei der Ausschleusung jüdischer Bürger mit, vor allem aber sollte er über seine ökumenischen Kontakte in der Schweiz und in Großbritannien der britischen Regierung die Pläne der Widerstandgruppe vermitteln: „Attentat auf den „Führer“, Umsturz des NS-Regimes, Beseitigung der Diktatur und Verhandlungen für ein Kriegsende; stattdessen Rechtsstaatlichkeit und Frieden, eine gerechte Sozialordnung in freiheitlicher Gesellschaft.“[44]

Daneben, wohl zum Nichtauffallen verbrachte er von seiner Münchener Dienststelle aus viel Zeit im Kloster Ettal. Dort schrieb er wesentliche Teile seiner „Ethik“, und obwohl darin vieles ziemlich theoretisch ist, wurde er sich über seinen Weg in den Widerstand klar, um „Verantwortung im Handeln in der Welt (zu) übernehmen“[45]

8.1  1941 war Dietrich Bonhoeffer zweimal in der Schweiz, um mit Ökumene-Vertretern die in- und ausländischen Ansichten der Nachkriegsordnung zu beraten. Dabei war in Zürich der ihm gut bekannte Generalsekretär des damaligen Vorläufers des Ökumenischen Rates der Kirchen Willem Visser ‘t Hooft, der sich 1945 in seiner Gedächtnisschrift „Das Zeugnis eines Boten“ erinnert: „(Bonhoeffer) war eigentlich immer Pazifist gewesen … aufgrund seines Verständnisses des Evangeliums.“ „ .. er hatte sein Problem gelöst, indem er als Christ nun den ganzen Kampf gegen den Nationalsozialismus aufgenommen hatte.“ „Als wir in kleinem Kreis einmal von diesen Dingen sprachen, fragte einer plötzlich: ‚Bonhoeffer, wofür beten Sie eigentlich in heutiger Lage?‘ Seine Antwort kam sofort: ‚Wenn Sie es wissen wollen, ich bete für die Niederlage meines Landes, denn ich glaube, dass das die einzige Möglichkeit ist, um für das ganze Leiden zu bezahlen, das mein Land in der Welt verursacht hat.‘ War er denn ein schlechter Patriot? Gewiss nicht. Wir haben in diesen Tagen zusammen an meinem Memorandum … zur Klärung der Friedensziele … gearbeitet. ... Ich möchte … Bonhoeffer reden lassen und bringe hier also eine Zusammenfassung der Gedanken, die er mir damals schriftlich gab: … Nach der ‚liberalen Anarchie‘ muss jetzt die ‚Staats-Omnipotenz‘ von Hitler als ‚Satan in der Gestalt des Engels des Lichts‘ ‚gebrochen werden im Namen einer echten Ordnung, die sich dem Gebot Gottes (=‘10 Gebote‘) unterwirft‘. Aber ‚Freisein allein um des Freiseins willen führt zur Anarchie. … Freiheit ist eben nicht in erster Linie ein individuelles Recht (‚wie Rede-, Presse-, Versammlungsfreiheit etc.‘), sondern eine Verantwortung, … nicht ausgerichtet am Individuum, sondern am Nächsten. … Die ganze Frage ist, ob man in England und Amerika bereit sein wird, mit einer Regierung zu verhandeln, die auf dieser Grundlage steht, … Eine solche Regierung könnte sich plötzlich bilden. Es käme viel darauf an, ob sie dann mit der sofortigen Unterstützung der Alliierten rechnen könnte. … Es ist aus diesen Zeilen deutlich ersichtlich wie stark Bonhoeffer schon 1941 mit dem baldigen Gelingen eines Umsturzversuchs rechnete. … Die Regierungen von England und Amerika haben aber gemeint, nicht auf diesen Vorschlag eingehen zu müssen.“[46]

Im „Memorandum für die englischen Freunde“, was in „enger Zusammenarbeit“ mit Bonhoeffer entstand, schreibt Visser 't Hooft darüber hinaus: „Wir sehen ein, dass die Entwaffnung Deutschlands gefordert werden muß. Aber sie sollte … ein gewisses Maß von politischer und wirtschaftlicher Sicherheit für ein entwaffnetes Deutschland (einschließen), wie die Akzeptierung einer gewissen übernationalen Kontrolle der Rüstung aller Nationen.“ Zu einem „echten Friedensangebot“ einer neuen „deutschen Regierung, die mit Hitler und mit allem, was er darstellt, völlig bricht“ gehört auch: „Räumung aller besetzten Gebiete, Beseitigung aller Naziführer, Bereitwilligkeit zur Entwaffnung.“[47]

Fazit: Was bedeutet „Niederlage meines Landes“? Aus heutiger Sicht wird Bonhoeffer oft unterstellt, er hätte damit das gemeint, was 1945 eingetreten ist: die totale Vernichtung der deutschen Militärmacht. Damit hätte er dem militärischen Kampf der Alliierten Erfolg gewünscht und wäre in dieser Situation ein Befürworter von Kriegshandlungen. Doch Bonhoeffer sollte im Namen der Widerstandgruppe bei der englischen Regierung gerade nicht um verstärkten Krieg bitten, sondern das Attentat als Mittel zur Beendigung des Krieges nahebringen. Das Attentat und eine total neue deutsche Regierung erwartete Bonhoeffer im Herbst 1941 „plötzlich“. Wenn ihr vergötterter Führer tot ist, es eine neue Regierung gibt und die eroberten Gebiete zurückgegeben werden, wäre das für die meisten Deutschen eine bittere „Niederlage“.   

8.2    Im Mai 1942 reiste Bonhoeffer im Auftrag der Widerstandgruppe nach Schweden, um sich als Unterhändler eines Waffenstillstands zum wiederholten Male mit dem Lordbischof und Mitglied des britischen Oberhauses George Bell zu treffen. Offiziell war es ein ökumenischer Kontakt der Bekennenden Kirche mit dem englischen Bischof. Parallel war in ähnlicher Doppelmission der Pfarrer Hans Schönfeld für die Reichskirche bei Bell. Bonhoeffer „bestätigt“ Schönfelds Information, wie Bell schreibt.[48]
Bell verfasst nach beiden Gesprächen ein Memorandum. Darin heißt es: „Es gibt eine „starke, organisierte Widerstandbewegung“, die „fragen, ob die Alliierten … bereit sein würden, mit einer … neuen deutschen Regierung über eine Friedensregelung zu verhandeln,“ „Sie glaubt auch, daß ein Kampf bis zur Entscheidung für Europa selbstmörderisch wäre. Daraus entspringt der Wunsch, zuerst Hitler und sein Regime zu vernichten und dann eine Friedensregelung zu erreichen, bei der alle Nationen Europas wirtschaftlich untereinander abhängig werden sollen,“ mit “europäischen Militärstreitkräften … und auf irgendeine Art verbündet“. Zum Schluss zwei konkrete Fragen: „1. Würden die alliierten Regierungen mit einer neuen deutschen Regierung … für einen Frieden verhandeln …?  2.Könnten die Alliierten jetzt der Welt öffentlich … bekanntgeben, daß, falls Hitler und das ganze Regime gestürzt wären, … sie mit einer neuen deutschen Regierung … verhandeln?“[49]

Bell übergibt das Memorandum am 30. Juni 1942 dem britischen Außenminister A. Eden. Im darauffolgenden Briefwechsel schreibt dieser, „dass es dem Interesse der Nation zuwider liefe, ihnen ((= dem deutschen Widerstand)) irgendwelche Antwort zukommen zu lassen“, weil „ihnen solange niemand glauben wird, bis sie aktive Schritte getan haben, ihr gegenwärtiges System zu beseitigen“. Der Bischof bedauert die Ablehnung, die auf den von ihm zitierten Aussagen des britischen Premier Churchills von 1940 fußt: „Sieg, es koste, was es wolle.“[50]  Die Alliierten hatten längst entschieden, Deutschland militärisch niederzuringen. Die deutschen Widerständler waren sicher enttäuscht, machten aber weiter. Bonhoeffer schreibt am 28.8.42 an Bell: „Die Dinge laufen, wie ich sie erwartet hatte. … Ich bin immer noch voller Hoffnung, dass der Tag nicht allzu fern ist, an dem der böse Traum vorüber ist und wir uns wiedersehen werden“[51]

Fazit: Auch aus den Texten mit Bischof Bell geht eindeutig hervor, dass es gerade nicht um die kompromisslose militärische Besiegung Hitlerdeutschlands ging, sondern um die Beendigung des Krieges, also des Massenmordes und der Zerstörung von Europas Städten. Bonhoeffer und Bell kämpften um die Anerkennung des deutschen Widerstand-Plans: Attentat auf Hitler, neue Regierung, Waffenstillstand, Rückzug aus allen besetzten Gebieten und Friedensverhandlungen. Er war auch nicht in die konkreten Attentatspläne einbezogen, erst recht nicht für die Ausführung mit Waffe oder Sprengstoff vorgesehen.

Insofern ist Bonhoeffer hier ein geheimer Unterhändler für einen Waffenstillstand und für eine umfassende Erneuerung Deutschlands. Das war - so Wolfgang Huber - Bonhoeffers „vermutlich wichtigster Beitrag zum politischen Widerstand im engeren Sinn des Wortes – also zu den Bemühungen, der Hitler-Diktatur ein Ende zu setzen.“[52]  Von einer Spionagetätigkeit kann hier nicht geredet werden.  
 

9. Phase: 1944 Aus dem Gefängnis.

9.1 den durch eine belebte Straße Rasenden stoppen‘ – der Tyrannenmord

Es gibt eigentlich keine schriftlichen Texte von Bonhoeffer, die direkt einen Tyrannenmord ethisch oder theologisch begründen. Sicher war die Furcht groß, dass etwas Schriftliches in die Hände der Gestapo gelangt. Richtig ist aber sicher auch, dass Bonhoeffer „Seelsorger für den Widerstand“ war, da er im Gespräch mit seinen Vorgesetzten in der Abwehr, Hans von Dohnanyi und Hans Oster, die glaubensmäßige Problematik des Tyrannenmordes intensiv durchdrungen und bejaht hatte.[53] Freilich kann aus vielen schriftlichen Andeutungen seine Bereitschaft zum Widerstand und zur Unterstützung des Tyrannenmordes als verantwortliches Handeln zusammengesetzt werden.[54]  Als formale Handlungsabfolge ist in den auf den Gesprächen mit Bonhoeffer fußenden Memoranden von Hooft und Bell mehrmals die Beseitigung Hitlers die Voraussetzung für eine neue Regierung und einen Waffenstillstand, wie in Phase 8 dargelegt. Als ethische Grundlegung kann der von Bonhoeffer kurz vor dem Jahreswechsel zu 1943 verfasste Text „Nach zehn Jahren“ gelten. Er bietet wichtige Reflexionen innerhalb der Familie, aber auch innerhalb der Abwehr. Dort heißt es: Das Nazi-Regime als „Maskerade des Bösen“ kann nur beseitigen, wer in „eigenster Freiheit in der Welt seinen Mann (steht), wer die notwendige Tat höher schätzt als die Unbeflecktheit des eigenen Gewissens … wer dem fruchtbaren Kompromiß ein unfruchtbares Prinzip … zu opfern bereit ist, … Er wird in das Schlimme willigen, um das Schlimmere zu verhüten“.[55]  Bonhoeffer war sich dabei im Klaren, dass das „Schlimme“ auch wirklich schlimm und schuldhaft ist: „Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht.“[56]
Um Bonhoeffers Überzeugung zu verdeutlichen, sich am gewaltsamen Widerstand gegen Hitler zu beteiligen, wird oft in Gedenkreden und Lehrbüchern das Gleichnis - hier Parabel genannt - vom ‚rasenden Fahrer‘ erzählt; und zwar als mündliche Überlieferung, als vom italienischen Offizier Latmiral weitergegeben oder gar als Zitat von Bonhoeffer.

Es gibt aber von Bonhoeffer keinen schriftlichen Text mit dieser Parabel.

In Tegel hat sich Bonhoeffer intensiv mit dem italienischen Offizier, Professor Gaetano Latmiral unterhalten (bis Oktober 1944). Der hat nach dem Krieg mehrere Briefe und einen Erinnerungstext geschrieben.[57]
Im englisch verfassten Brief vom 6.3.1946 an G. Leibholz in London berichtet Latmiral von Gesprächen mit seinem Mithäftling Bonhoeffer, was Bethge in seiner Bonhoeffer-Biografie zitiert: „Er sprach davon, daß er als Pastor nicht nur die Pflicht habe, die Opfer des wild gewordenen Mannes zu trösten, der sein Auto in einer bevölkerten Straße wie ein Rasender fahre, sondern daß er auch versuchen müsse, ihn zu stoppen. Die deutschen führenden Familien hätten zum Teil ihre Schuld beglichen, indem sie versuchten, Hitler zu beseitigen, obwohl viel zu spät.“[58] Die Parabel vom rasenden Fahrer steht nur in diesem Brief. Latmiral erinnert sich hier - ca. 1 1/2 Jahre später - nebeneinander an mehrere Gedanken Bonhoeffers über die von den Nazis verursachte „Katastrophe“, sodass die Sätze davor und dahinter nicht zur Parabel gehören. Jedoch bestätigt der unmittelbar folgende Satz die Deutung der Parabel, „Hitler zu beseitigen“.

Offenbar war die Parabel aber schon vor Bethges Biografie von 1967 bekannt geworden. Dabei wurde und wird sie aber in den verschiedensten Versionen wiedergegeben.[59] Hier die inhaltlich zutreffendste und im Weiteren als Lang-Version bezeichnete: „Wenn ein Wahnsinniger auf dem Kurfürstendamm sein Auto über den Gehsteig steuert, so kann ich als Pastor nicht nur die Toten beerdigen und die Angehörigen trösten; ich muss hinzuspringen und den Fahrer vom Steuer reißen, wenn ich eben an dieser Stelle stehe.“   Sie ist ein gutes Bild-Wort für Bonhoeffers Haltung im gewaltsamen Widerstand.
Aber diese und die anderen Versionen sind eben nicht von Bonhoeffer und auch nicht von Latmiral!  

Die deutlichsten Abweichungen gibt es einerseits von dem sehr allgemeinen ‚den Fahrer stoppen‘ zu dem schon deutlich gewaltsamen ‚den Fahrer vom Steuer reißen‘.  Zum anderen wird der Zusatz: „wenn ich eben an dieser Stelle stehe“ gern als genuin von Bonhoeffer gedeutet. Wenn hier auch unsauber zitiert wird, stimmt meist die allgemeine Beschreibung von Bonhoeffers Intention. Dafür sei hier W. Huber zitiert: „Bonhoeffer übertreibt die Pflicht zum Widerstand nicht; ich muss „an dieser Stelle stehen“, also zum Handeln imstande sein. Aber er bezieht diese Pflicht klar auf den Pfarrer, der „an dieser Stelle steht“. Er verletzt seine Verpflichtung als ordinierter Amtsträger, wenn er sich auf Trauergottesdienste und den Trost der Angehörigen beschränkt, es aber versäumt, dem Fahrer des Todeswagens in den Arm zu fallen. Wenn es um den Angriff auf Menschenleben, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht, bezieht sich die Pflicht zur aktiven Einmischung nicht nur auf den einzelnen Glaubenden, sondern auf die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden. Das ist der Zusammenhang, in dem der Tyrannenmord für Bonhoeffer zum Thema des Kirchenverständnisses wird.“[60]
Wenn man sich den praktischen Vollzug der Parabel vorstellt, wird klar, dass sie aus einer Zeit stammt, in der ein Auto noch ein äußeres Trittbrett hatte, ein gemächliches Rasen noch ein Aufspringen ermöglichte und ein Auto oben oder an der Seite offen war, sodass man den Fahrer wegreißen konnte. Dass bei einigen Versionen das feststehende Steuer entrissen wird, ist sicher eine gedankenlose Verwechslung.
Offene Autos waren nur bis Mitte der dreißiger Jahre üblich.

Daraus könnte man schließen, dass die Parabel schon vor Bonhoeffer da war und er sie einfach auf sein Vorhaben bezog – und sie etwas praktikabler machte, indem es sie vereinfachte und nur davon sprach, ‚den Fahrer zu versuchen zu stoppen‘.  Andererseits ist es theologisch höchst unwahrscheinlich, dass jemand in den dreißiger Jahren die Aufgaben eines Pfarrers so beschreibt.  Insofern sind die längeren Versionen wohl doch Ausschmückungen, wie es ja überlieferungstechnisch anzunehmen ist.
Aber von wem stammt die Lang-Version? Jedenfalls nicht von Carl-Jürgen Kaltenborn, von dem die älteste mir bekannte Fassung stammt, der sich aber hochbetagt nicht mehr erinnert, woher er sie hat. Vgl. Anmerkung 59.3.

Auch früher gab es schon ähnliche Überlegungen.

Bei Martin Luther finden sich zwei mögliche Texte, deren Inhalt freilich später von der domminierenden Zwei-Reiche-Lehre überlagert wurden: „Das isst wol billich, wo etwa ein Fuerst, Koenig odder herr wansynnig wuerde, das man denselben absetzt und verwaret; denn er ist nu fort mehr nicht fuer einen menschen zu halten, weil die Vernunft da hyn ist“ und „… wenn der Papst einen Krieg erregen würde, so ist ihm Widerstand zu leisten wie einem rasenden und besessenen Ungeheuer“.[61]
Offenbar aus der Kutschen-Zeit stammt dies: „Wenn der Kutscher trunken ist …“  Der norwegische, den gewaltlosen Widerstand gegen die deutsche Besatzung organisierende Bischof Bergrav überschreibt einen seiner Texte zum Thema Staatsversagen mit diesem Titel, aber leider ohne Fortsetzung und ohne Quellenangabe.[62]

Fazit: Für Bonhoeffer stand also nicht die Frage, ob man einen tyrannischen Menschen töten darf, sondern er war in einer Güterabwägung überzeugt, dass der eine schlimme Schuld bleibende Tyrannenmord in dieser Situation eine verantwortliche Tat ist, die das viel, viel Schlimmere, nämlich Millionen weiterer Kriegsopfer und Vergasungsopfer verhindert.
Vor allem ist hier einer Missdeutung zu begegnen: Bonhoeffers Zustimmung zur sehr situationsbezogenen Gewalt bei der Tötung eines Tyrannen ist weder identisch noch ein Einstieg in andere Gewaltanwendungen – und schon gar nicht die generelle Zustimmung zur Gewalt in einem Krieg! Die Intention der Widerstandsgruppe und der von Bonhoeffer war eindeutig, einen Waffenstillstand zu erreichen! (siehe 8. Phase)

Auch eine Parallelisierung mit dem anderen Bild Wort „Dem Rad selbst in die Speichen fallen“ kann nur für ganz allgemeinen Widerstand gelten. Im Vortag „Die Kirche vor der Judenfrage“ von 1933 geht es um verbalen, eindeutig gewaltfreien Widerstand einzelner Christen und der ganzen Kirche durch ein Konzil (Siehe Phase 5.1). Hier geht es um Tyrannenmord, sodass man die beiden Bildworte nicht vermengen kann.

9.2. 1944 „Glaube ist das Teilnehmen“ am „Für-andere-da-Sein Jesu“
Die Briefe, die Bonhoeffer aus dem Gefängnis vornehmlich an seinen Freund Eberhard Bethge geschrieben hat, hat letzterer 1951 in dem bekannten Band „Widerstand und Ergebung“ Darin gibt es keine politisch bewertenden Aussagen über Frieden und Widerstand. Das hätte den Haftgrund verschärft, auch wenn die meisten Briefe von freundlichen Wärtern herausgeschmuggelt wurden.
Jedoch hat er als Höhepunkt seines Ringens um ‚volle Diesseitigkeit‘ des Christentums ohne Jenseits-Erwartung und Beschränkung auf das Seelenheil im „Entwurf einer Arbeit“ beim Brief vom 3.8.44 eine grundlegende Erneuerung seiner Theologie skizziert: „‘Was ist Gott?‘ Nicht zuerst ein allgemeiner Gottesglaube an Gottes Allmacht etc. … Begegnung mit Jesus Christus. … Das ,Für-andere-Dasein‘ Jesu ist die Transzendenzerfahrung! … Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem … höchsten … Wesen …, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben in ,Dasein-für-andere‘, in der Teilnahme am Sein Jesu. Nicht die unendlichen … Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente“.[63]

Fazit: Dieses „Da-sein-für-andere“ wäre also jetzt der Bezugspunkt für verantwortliches Handeln. Hieß es im Barcelona-Vortrag der „Wille Gottes“ (vgl. Phase 1) und in der „Ethik“ das „Gebot“ oder das „Gesetz Gottes“ (vgl. Phase 7), ist es hier das Absehen vom eigenen Ich und das Hinwenden (lat. =trans-cendere) zum Mitmenschen. Und das gilt für alle und jede Situation immer wieder neu: Für Beziehungen zwischen Einzelnen, innerhalb einer Gesellschaft oder zwischen Staaten.
Für Bonhoeffer war sein Leben der Versuch, es in jeder Situation neu als Teilnahme am „Für-andere-Dasein Jesu“ zu gestalten.

Wir heutigen deuten das Sein von Jesus so, dass wir uns für Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzen und dass dabei gilt: gewaltlos, gleichberechtigt, für die Armen und für das Leben!

Bonhoeffer selbst hatte seinem Freund Bethge am 14.8.1944 ein Geburtstagsgedicht geschickt, woraus zwei Verse hier den Abschluss bilden:

„Stationen auf dem Weg zur Freiheit
 
…

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,

nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.
…

Tod

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,

Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern

unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,

dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.

Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.

Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.“[64]

Reinhard Müller, Waldhufen 2025

[1]   Die Schrift „Nachfolge“ erschien 1937, DBW 4, Gütersloh 1992
    Die Schrift „Gemeinsames Leben“ erschien 1939, DBW 5, Gütersloh 1993     

[2]  Brautbriefe Zelle 92, München 1992, S.208f: Wichtiger Begleitbrief vom 19.12.1944 an seine Braut Maria von Wedemeyer und Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“

[3]  Ethik, DBW 6, 2.Aufl., Gütersloh 2006

[4]  Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, DBW 8, S. 542 und S. 556. Brief vom 21.7.1944 und beim Brief vom 3.8. Entwurf einer Arbeit.

[5]  Vgl. Detlef Bald: Dietrich Bonhoeffer – der Weg in den Widerstand 1906 – 1945, Darmstadt 2021, S. 31f.

[6]  Dietrich Bonhoeffer Werke (=DBW) 1, S.74

[7]  DBW 1, S.248 Anmerkung 21, vgl. Vorwort S. 6ff

[8]  DBW 10, S.323-335.  Der Vortrag wird oft irrtümlich als Predigt bezeichnet.

[9]  DBW 10, S.335-340

[10] Diesen stellen auch die Herausgeber von DBW 10, S. 337, Anmerkung 29 fest.

[11]  Dietrich Bonhoeffer. Gesammelte Schriften (GS), 3.Band, Hersg., Eberhard Bethge, München 1966, S.56 Anmerkung 1. Diese Anmerkung ersetzt den stark gekürzten Text aus DBW 10, S.334 ab „Es gibt eine Gruppe von Problemen…“ bis S.343: „… die Antwort erringen und finden.“

[12] Auch jetzt im sogeannten Ukraine-Krieg wird der verbrecherische Angriff vom Oberhaupt der russischen Kirche als „Heiliger Krieg“, also von Gott gewollter Krieg gegen den gottlosen Westen bezeichnet. Andererseits wird die juristisch völkerechtsgemäße Verteidigung in der Sache sicher nur ähnlich, aber auch als alternativloser Schutz der Freiheit von ganz Europa überhöht.  In der Realität ist es aber einfach nur ein zerstörender und tötender Krieg, der leicht zu einem Atomkrieg eskalieren kann. Da ist keine böseres Szenario in Sicht, sodass man sich für das einfache Böse entscheiden müßte. Es wurde auch nach den guten Varianten im Willen Gottes nicht gesucht, sondern es wurde eben diesem Gesetz des Krieges auch von deutschen Christenvertretern als ‚im Horizont der Bergpredigt‘ und ‚in der Spur Jesu‘ gehuldigt. 

Demgegenüber haben einige Vertreter der russischen Kirche Bonhoeffers späteres Hauptanligen wesentlich besser verstanden, wenn sie den Willen Gottes so erkennen: Der Mensch und sein Leben ist als Ebenbild Gottes geschaffen – und nicht eine Nation, eine Staat,  eine Partei ...  Nach: Christus und dem Evangelium treu bleiben. Ein Aufruf von Geistlichen und Laien der Russischen Orthodoxen Kirche, Nachrichtendienst Östliche Kirchen, Zürich, 30.1. 2025

[13]  Detlef Bald, aaO S.50-57. Vergleiche auch Ch. Gremmels/ H.W. Grosse, D.B. Der Weg in den Widerstand, Gütersloh, 2004

[14]  Vgl. Wolfgang Huber, Dem Rad in die Speichen fallen. Dietrich Bonhoeffers Weg in den Widerstand, Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin 4/2020, S. 105-120

[15]  DBW 11, Gütersloh 1994, S. 220ff

[16]  DBW 12, S.232

[17]  Bald, aaO, S.78ff + S. 105

[18]  DBW 11, S. 327–344

[19]  Lateinisch: „Frieden machen“. Vgl. Resolution Nr.47/2016 des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins. In „Verantwortung“, Nr.57, S. 50

[20]  Andreas Pangritz, Dietrich Bonhoeffer: Zur Aktualität seiner friedensethischen Position, epd Nr.29, 2023, S.31

[21] DBW 12 S. 242-259.  Vortrag Anfang März mit den Erweiterungen gegenüber dem Rundfunkvortrag.

[22] Beate Schutte, Wandlungen des Führerbegriffes in der jungen Generation. Abschaltung aus politischen Gründen oder aus Zeitgründen? https://www.weyeriana.de/ibg/artikel/db_108_2015_54-64.pdf

[23]  DBW 12, S.245f und S.256

[24]  Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, Bd.5, Stuttgart 1823, S.181

[25]  D.B., Die Kirche vor der Judenfrage, DBW Bd.12, S.349-358

[26]  Vgl. Bald, aaO, S.67ff. Und: Eberhardt Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, München 1967, S.321ff.
Vgl. Andreas Pangritz, „Dem Rad in die Speichen fallen.“ Alte und neue Beobachtungen zu Dietrich Bonhoeffers Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“, in: Andreas Pangritz, Vergegnungen, Umbrüche und Aufbrüche. Beiträge zur Theologie des christlich-jüdischen Verhältnisses, Leipzig 2015, 57–70.

[27] U.a. gegen Renate Wind, die ihre gesamte „Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer“ unter den Titel stellt: „Dem Rad in die Speichen fallen“, Weinheim und Basel 1994. Ähnlich W. Huber, siehe Anm.52

[28]  Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, S. 506

[29]  DBW 13, S. 204f

[30]  DBW 6, S.130

[31]  Resolution Nr.50/2024 des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins. In „Verantwortung“ Nr.73, S.44

[32]  DBW 13, S.295

[33]  DBW 13, S. 298-301.

[34]  Sicherheit neu denken - Eine dialogische Initiative. Siehe deren Homepage.

[35]  Bald, aaO, S.91 bzw. S.94

[36]  Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften (GS), Band 1, München 1965, S.209f

[37]  D. Bonhoeffer, Ethik, Hersg. E. Bethge, München 1961, Vorwort S.4ff

[38]  DBW 6, S. 99f

[39]  DBW 6, S. 183f

[40]  DBW 6, S.  272f

[41]  DBW 6, S. 297f               

[42]  Vgl. DBW 11, S. 335

[43]  Vgl. Sachregister in DBW 6, S.523ff

[44]  Bald, aaO, S. 136ff und S. 141ff

[45] Bald, aaO S.147ff

[46] Willem Visser ’t Hooft, Das Zeugnis eines Boten. Zum Gedächtnis von Dietrich Bonhoeffer, Genf 1945, S.6ff

[47] Dies und das folgende ist original in Englisch. Ich zitiere die Memoranden von Visser 't Hooft und Bell und die dazugehörigen Briefe gleich auf Deutsch aus GS, Band 1, da die Texte in DBW in Englisch und nicht alle stehen. Hier Memorandum Visser 't Hooft S. 480. 483

[48] GS, aaO S.508

[49] GS, aaO S.488-493

[50] GS, aaO S.498ff. Vgl. Bald, aaO S.168ff

[51] GS, aaO S. 503

[52]  Vgl. Wolfgang Huber, Dem Rad in die Speichen fallen, Blätter f. deutsche und internationale Politik, Berlin, 4/2020, S. 105-120

[53]  Vgl. Huber, aaO. Dennoch zitiert Huber einen Satz aus der „Ethik“, „der eindeutig klarstellen“ würde, „dass der Widerstand gegen Hitler legitim war, den Attentatsversuch eingeschlossen“: „Willkürlich ist selbstverständlich nicht die Tötung des Verbrechers, der fremdes Leben antastete.“ (DBW 6 S.183) Dieser Satz gilt aber einem anderen Zusammenhang, nämlich dem des Krieges und meint die „Todesstrafe“, wenn die „Sicherheit der Truppe“ gefährdet war (so DBW 6, S.183 Anm. 63). Die Problematik dieser Ethik-Stelle vgl. die kritische Behandlung der Parallel-Beispiele hier in Phase 7.

[54] Vgl. Bald, aaO. S.146ff

[55] DBW 8, S.20f. Siehe Bald, aaO S.179f

[56] DBW 8 S.24

[57] Diese sind erstmalig vollständig im Bonhoeffer-Rundbrief der IBG, Nr.31/Dez 1989 erschienen. Offiziell veröffentlicht sind sie im Bonhoeffer-Jahrbuch 1, Gütersloh 2003. (Vgl. dort die Einleitung von Christian Gremmels, S.23.) In beiden genannten Veröffentlichungen gibt es keine deutsche Übersetzung. Da Latmiral 1995 gestorben ist, gehe ich davon aus, dass im Jahrbuch alles steht und es keine weiteren Texte von Latmiral gibt.

[58] Dies die korrekte deutsche Übersetzung von Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer, 2.Aufl., München 1967, S. 955.

Der englische Text lautet: „He said that as a pastor he considered his duty not only to consolate or to take care of he victims of exalted men who drove madly a motor-car in a crowded street, but also to try to stop them.“

[59] Hier sicher sehr lückenhaft einige mir zugängliche Beispiele:

1.  Die älteste mir bekannte Version stammt aus dem Jahre 1964 von Otto Dudzus: „Wenn ein betrunkener Autofahrer mit hoher Geschwindigkeit den Kurfürstendamm hinunterrase, könne es nicht seine, des Pfarrers einzige und wichtigste Aufgabe sein, die Opfer des Wahnsinnigen zu beerdigen und deren Angehörige zu trösten; wichtiger sei es, dem Betrunkenen das Steuerrad zu entreißen.“  („Dem Rad in die Speichen fallen“, Otto Dudzus, in Begegnungen mit Dietrich Bonhoeffer. Ein Almanach, hrsg. v. W.-D. Zimmermann, München 1964, S.66). Ohne Quellenangabe.

2.  Derselbe Dudzus notiert 1969 die Parabel so: „Wenn ein Betrunkener mit seinem Auto über den Kurfürstendamm rast und auf den Bürgersteig gerät, kann es doch nicht meine, des Pfarrers erste oder gar einzige Aufgabe sein, die Opfer des Wahnsinnigen zu beerdigen und die Angehörigen zu trösten, sondern dem Betrunkenen das Steuer zu entreißen.“ 

(Über Bonhoeffer, in Lesebuch für den Religionsunterricht, Hersg. Markus Hartenstein, Stuttgart 1969, S. 78-83). Auch ohne Quellenangabe.

3.  Bei Carl-Jürgen Kaltenborn findet sich 1969 die erste mir zugängliche Lang-Version (siehe Text): (Dietrich Bonhoeffer, in Reihe Christ in der Welt, Heft 7, Berlin 1969, S.28). Leider ohne Quellenangabe.

4. Christian Feldmann formuliert ähnlich frei wie Dudzus: „Wenn ein betrunkener Autofahrer den Berliner Kurfürstendamm herunterrase, dann sei es nicht die vordringliche Aufgabe des Pfarrers, die Opfer des Wahnsinnigen zu beerdigen und ihre Angehörigen zu trösten. Wichtiger sei es, dem Betrunkenen das Lenkrad zu entreißen.“ (Dietrich Bonhoeffer. Wir hätten schreien müssen, Freiburg i.B. 2001) In der Anmerkung verweist er unpräzise auf Bethges Bonhoeffer Biographie, wo ja nur die Erst-Fassung von Latmiral steht.

5. Die Lang-Version, auch ohne Quellenangabe, veröffentlichen auch Gert von Bassewitz/Christian Bunners 2004 in ihrem Buch: Auf den Spuren von D. Bonhoeffer, Hamburg 2004, S.58.

6.  2012 bringt Christian Gremmels genau diese Lang-Version wie in 3. und 5.

(„Wenn der Kutscher trunken ist…“, in Theologie und Lebenswelt, Gütersloh, 2012, S.117.)

Die Anmerkung 3 dort lautet überraschend: „Zitiert nach: G. Latmiral, Brief an G. Leibholz vom 6.3.1946, in Bonhoeffer-Jahrbuch 2003.“ Dabei setzt Gremmels irrtümlich voraus, dass die benutzte deutsche Version die korrekte Übersetzung aus dem Englischen ist. Darüber hinaus legt Gremmels den zusätzlichen allerletzten Halbsatz so aus, als wenn er genau von Bonhoeffer sei.

7.  Tilmann Kleinjung zitiert am 7.4.2015 in einer Sendung des Deutschlandfunks die viel jüngere Ehefrau von Latmiral, Donata De Andreis, offenbar aus einem Interview so: „Mein Mann hat Bonhoeffer gefragt: Wenn du die Möglichkeit hättest, Hitler umzubringen, würdest du das tun? Wie kann man als Pastor jemanden umbringen, auch wenn er noch so böse ist? Bonhoeffer hat gesagt: Ja. Wenn ich auf einer Straße mit vielen Menschen bin und ein Verrückter fährt die Menschen um, was muss ich dann tun? Muss ich da als Pastor die Toten segnen und den Sterbenden helfen, oder muss ich versuchen, auf das Auto aufzuspringen und den Verrückten zu stoppen, auch wenn das mein oder sein Leben kostet?“

(Archiv Deutschlandfunk: 70. Todestag - Dietrich Bonhoeffer im katholischen Rom, 7.5.2015)

8. Christian Schwarz bringt 2015 in einem Gottesdienstmodell eine neue Variante und vermengt sie m.E. unzulässig mit dem anderen Bildwort: „3. dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Mit anderen Worten: wenn ein Verrückter mit seinem Wagen durch die Fußgängerzone rast und reihenweise Menschen über den Haufen fährt, ist es nicht genug, sich um die Verletzten zu kümmern. Man muss versuchen, ihm das Steuer zu entreißen.“

(Home page der Int. Bonhoeffer Gesellschaft/ Bonhoeffer heute/ Predigten…/Aufstehen gegen Unrecht)

9.  Wolfgang Huber hinwiederum zitiert die Lang-Version wortgleich wie Kaltenborn bzw. Bunners (3. und 5.) und genauso wie Gremmels verweist er auch irrtümlich auf die englische Ur-Variante von Latmiral im Jahrbuch.

(Dem Rad in die Speichen fallen, Blätter f. deutsche und internationale Politik, Berlin, 4/2020, S. 105-120; Der Artikel basiert auf: Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit, München, 2019)

[60] Huber, aaO

[61]  Luther, WA 19, 634,19f und WA 39 39,2;34-91. Zitiert nach Gremmels, aaO, S.115. Anm.2 und S.120

[62]  E. Berggrav, Der Staat und der Mensch, Hamburg 1946. 301-319.  Gremmels übernimmt auch nur diesen halben Satz als

Titel (aaO).

[63]  DBW 8, S. 558f. Zur Deutung der Frage ‘Was ist Gott?‘ siehe Reinhard Müller, „Wer ist Gott?“ oder „Was ist Gott?“, in: Verantwortung, Nr. 65 (Juni 2020), 25–28.

[64]  DBW 8, S. 570ff. In den Ausgaben von „Widerstand und Ergebung“ vor 1970 steht das Gedicht beim Brief vom 21.7.44.

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