Gründung an der Bundeswehr-Hochschule
Die Wurzel des Vereins liegen interessanterweise in der Arbeit der Evang. Hochschulgemeinde an der Hochschule der Bundeswehr in Neubiberg bei München. Hochschulpfarrer war dort Dr. Karl Martin. Er, aktive und ehemalige Absolventen der damaligen Hochschule der Bundeswehr (HSBwM) waren im Mai 1983 in Stadtlauringen versammelt. Auf diesem Wochenendtreffen von Mitgliedern der Evang. Studentengemeinde (EHG) wurde am 15.05.1983 der Verein gegründet. Ziel war es, den Zusammenhalt und die inhaltliche Arbeit der HS-Absolventen zu fördern und zum anderen, eine Reform des Militärseelsorgevertrages anzustreben. Als juristischer Sitz wurde nicht Stadtlauringen, sondern Neubiberg gewählt, weil damit dokumentiert werden sollte, wo der Verein seine Wurzeln hat, nämlich in der Evang. Hochschulgemeinde Neubiberg.
Der Name des Vereins hat gewechselt
Der erste Vereinsname lautete: „Verein zur Förderung der Bundesarbeit der Evangelischen Hochschulgemeinden bei den Hochschulen der Bundeswehr e.V.“ Als auch im Jahre 1983 ein Name für das Gebäudes der Hochschulgemeinde gesucht wurde, schlug Karl Martin den Namen „Martin Niemöller-Haus“ vor. Das wurde aber abgelehnt, da Niemöller ‚zu links, zu radikal und zu pazifistisch‘ sei. So setzte er den Namen „Dietrich -Bonhoeffer-Haus“ durch, weil ihm dessen Verantwortungsethik und diesseitiges Christentum sympathisch war. Bonhoeffer trat nun immer mehr in den Mittelpunkt, sodass der Verein sich am 10.5.1986 umbenannte: „Dietrich-Bonhoeffer-Verein zur Förderung christlicher Verantwortung in Bundeswehr, Kirche und Gesellschaft e.V.“ Karl Martin war inzwischen Gemeindepfarrer in Wiesbaden und die Betonung der Bundeswehr trat weiter zurück, sodass der Verein sich am 28.5.1995 nochmal umbenannte: „Dietrich-Bonhoeffer-Verein zur Förderung christlicher Verantwortung in Kirche und Gesellschaft e.V.“
Die Veröffentlichungen des Vereins
Karl Martin suchte nach einem geeigneten Kommunikationsmittel, um einen Lernort für das Einüben von Vertrauen und Verantwortung zu finden. Er brauchte einen Ausstauch für seine kritische Position, um nach besseren Alternativen für das Leben in Kirche und Gesellschaft zu suchen und die enge Verflechtung zwischen Staat und Kirche aufzubrechen. Als Vorläufer einer neuen Zeitschrift gab es die EHG-Zeitung (Nr. 1-24, 1978-1983) und die Mitteilungen des Vereins zur Förderung der Bundesarbeit der Evang. Hochschulgemeinden bei den Hochschulen der Bundesehr (Nr. 16,1983-1986). Das erste Heft der vereinseigenen Zeitschrift erschien am 1.Dez.1986 mit dem Logo: „Verantwortung vor Gott, vor den Menschen, vor der Umwelt“. Inzwischen gibt es 76 Ausgaben, die alle digital verfügbar sind: Zeitschrift „Verantwortung“. Im selbständigen Bonhoeffer-Verein gab es freilich nur 73 Ausgaben und zwei Sonderhefte. Die „Verantwortung“ wird vom verschmolzenen Verein (s.u.) weitergeführt. Daneben gab es noch andere wichtige Verlautbarungen des Vereins zu aktuellen Problemen: 50 „Resolutionen“ der Mitgliederversammlung und 12 „Impulstexte“ bzw. 70 „Pressemitteilungen“ des Vorstandes. (Aufrufbar unter: Alte Webseite Bonhoeffer-Verein: „Unsere Meinung“).
Diese Veröffentlichungen waren das eine Standbein des Vereins. Das andere waren jährlich meist zwei Tagungen (vgl. Tagungsarchiv …). Sie erzeugten eine gute Gemeinschaft vieler Vereinsmitglieder und zum anderen gab es immer interessante Vorträge, die meist in der „Verantwortung“ dokumentiert sind, und spannende Gespräche. Auch die drei Arbeitsgruppen: „Frieden wagen“, „Kirche gestalten“ und „Bonhoeffer bewegt“ leisteten jahrelang wichtige inhaltliche Arbeit. Von den zeitweise mehreren Regionalgruppen sind nur noch zwei aktiv. Wichtig war auch die vom Verein ausgeliehene Bonhoeffer-Ausstellung, deren Eröffnung meist mit einem Vortrag eines Vereinsmitgliedes zu einem Höhepunkt wurde.
Die wichtigsten Themen der Vereinsarbeit
Die erste Ausgabe der „Verantwortung“ hatte 1986 den Leitartikel “Schritte auf dem Weg zum Frieden“. Das war programmatisch. Denn die Arbeit am Frieden wurde zum Leitthema der Vereinsarbeit. Bestimmend war dabei zeitweise der Kampf um die Reform der Militärseelsorge, wobei die mehr gemeindliche Seelsorge an Soldaten in den Mittelpunkt treten sollte. Ein zweites Thema war auch zeitweise bestimmend für den Verein: die Reform der Kirche, speziell der Kirchenzugehörigkeit und der Finanzierung. Unter den Kampfbegriffen ‚Abschaffung der Kirchensteuer‘ und ‚Abschaffung des Militärseelsorgevertrages‘ hatte der Verein einen schweren Stand in politischen und kirchenleitenden Kreisen. Immerhin brachte die Arbeit an der Kirchen-Finanzierung in der AG ‚Kirche gestalten‘ unter der Leitung von Herbert Pfeiffer eine gute Frucht: Das „Drei-Säulen-Modell“ (Freiwillige Gaben – Verpflichtende Gemeindebeiträge – Bürgergutscheine).
Dieses kann noch einmal wichtig werden, wenn die Kirchensteuer in Deutschland durch politische Kräfte oder Europa-Recht in Frage gestellt wird. Die Arbeit am Frieden und an der Kirche sind erwachsen und begründet in der Theologie von Dietrich Bonhoeffer, die als gesellschaftswirksame Theologie verstanden wird. Die Beschäftigung mit Bonhoeffers Denken und Glauben war immer präsent. Es geschah im Respekt vor seinem Widerstand gegen Unrecht und im Ringen um seine Verantwortungsethik und sein ‚diesseitiges Christentum‘. Eine punktuelle Zusammenarbeit mit der Bonhoeffer-Gesellschaft war doch eher von einer Konkurrenz um Bonhoeffers Erbe bestimmt, die aber schon viele Jahre zu einer freundschaftlichen Distanz wurde.
Karl Martin und das “Büro“ und die Verschmelzung
Der organisatorische Zusammenhalt des Bonhoeffer-Vereines war erzeugt von einem starken „Büro“: Finanzverwaltung, Mitgliederliste und Tagungsvorbereitung u.v.a.m. wurde in täglicher Kleinarbeit zuletzt getätigt von Diakon und Dipl. Ökonom Dieter Kimhofer. Er hatte ab 2017 das „Büro“ nach und nach übernommen vom Dipl. Volkswirt Herbert Pfeiffer. Der hatte seit 2007 das Amt des Kassenwarts und ab 2013 auch das des Schriftführers inne. In mühsamer Arbeit hat er die gesamte Verwaltung systematisiert und digitalisiert, sodass der Verein zunehmend zu seinem Lebensinhalt wurde. Vorher hatte der Kassenwart mehrmals gewechselt. Herbert Pfeiffer hat die Büro-Arbeit von Irmela Milch übernommen.
Die komplette Vereinsarbeit ist aber undenkbar ohne Dr. Karl Martin. Er war nicht nur Gründer, sondern auch ganze einunddreißig Jahre Vorsitzender und damit die Seele des Vereins! Damit war er Autorität und Dominator mit täglicher Arbeit für den Verein! Er starb am 29.9. 2014. Bei der Trauerfeier hielt Detlef Bald eine hochachtende Würdigungs-Rede. Sein Nachfolger wurde der Historiker und Friedensforscher Dr. Detlef Bald, der zweimal gewählt wurde und also von 2015-2019 im Amt war. Dann wurde eine Doppelspitze eingerichtet und die Juristin Petra Roedenbeck- Wachsmann und der Theologe Dr. Bernd Vogel wurden Vorsitzende. Danach 2021 wurde Pfarrer i.R. Reinhard Müller gewählt, dessen Amtszeit unüblicherweise erst nach drei Jahren endete.
Die zunehmende Personal-Knappheit lies Auflösungs- oder Verschmelzungsgedanken aufkommen. Als 2023 kein neuer handlungsfähiger Vorstand in Sicht war, beauftragte die Mitgliederversammlung im Frühjahr 2024 den Vorstand, die Verschmelzung mit der Martin-Niemöller-Stiftung e.V. zu planen, um eine breitere Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen und den Friedensgedanken zu stärken. Diese wurde am 27. Oktober 2024 in Eisenach beschlossen. Damit ist der Bonhoeffer-Verein aber nicht am Ende, sondern nur dessen Selbstständigkeit.
Reinhard Müller, April 2026
(Unter Verwendung von Nachrichten vom Gründungsmitglied Uwe Kranz, von Dr. Detlef Bald und von Herbert Pfeiffer)